Schülerzeitung

Liebe Schülerinnen und Schüler, 
liebes Kollegium und liebe Eltern!
Vom 24. bis zum 28. Mai 2017 findet der 36. Deutsche
Evangelische Kirchentag in Berlin statt. 
Aufgrund des 500. Reformationsjubiläums wird dieser Kirchentag größere
Ausmaße annehmen als alle anderen Kirchentage zuvor.
Zum Kirchentag werden rund 140.000 Teilnehmer erwartet. In
Gemeinschaftsquartieren, vor allem Berliner Schulen, werden
für diese fünf Tage 60.000 Teilnehmer unterkommen.
Für die Betreuung des Walther-Rathenau-Gymnasiums während des Kirchentages benötigen wir dringend Ihre und Eure Hilfe!

Beitrag zum Katalonien-Konflikt

von Paul Valentin Scholz, Klasse 7a - mehr hier!

 

„Hast du Lust auf ein Date mit der Demokratie?“
Shyft trifft den Regierungssprecher Steffen Seibert

Mit diesem Angebot warb die Bundesregierung um einen Besuch am Tag der offenen Tür bei ihren Ministerien am 26. Und 27. August 2017.
Wir, die Shyftredaktion, hatten nicht nur Lust, sondern wurden sogar persönlich auf ein Date eingeladen.
Es waren insgesamt drei Schülerzeitungsredaktionen Berlins, allesamt Wettbewerbsgewinner, die an diesem Tag zur Kinder- und Jugendpressekonferenz eingeladen waren.
Gespannt betraten wir die Presselounge, wo wir uns auf das Treffen des Regierungssprechers sowie Chefs des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Steffen Seibert vorbereiteten. Bereits an den Tagen zuvor hatten wir uns überlegt, welche Fragen wir bei diesem exklusiven Date stellen möchten. Nun ging es darum, wie sichergestellt werden konnte, dass jede Redaktion zum Zuge kam. Die Zeit war knapp, Herr Seibert ein vielbeschäftigter Mann.
Während wir auf den Beginn der Konferenz warteten, wurde immer wieder mit den verschiedenen Angeboten des Tages geworben. Ein Startup-Foodmarket, Max Giesinger und „Marf der Zauberer“ waren bloß einige der Programmpunkte.
Nach einiger Zeit betrat dann Steffen Seibert die Lounge. Auf einer kleinen Bühne standen zwei Stühle und Kameramänner rollten umher. Denn bevor wir Redakteure Herrn Seibert Fragen stellen konnten, würde der 12jährige Hannes ihn für die KiKa-Serie namens „Timster“ interviewen.
Seine Fragen betrafen Herrn Seiberts Leben und seinen Beruf. Seibert erklärte, seine Hauptaufgabe als Sprecher der Bundesregierung sei es, die deutschen Bürger darüber aufzuklären, was genau im Bundestag passiert. Auf die Frage, wie denn sein Alltag aussehe, antwortete Seibert er habe keinen wirklichen Alltag, denn jeden Tag passiere etwas Neues, das einem zuweilen auch lange im Gedächtnis bleibe. Außerdem erläuterte er, dass das Smartphone aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken sei, da er immer telefonisch erreichbar sein müsse.
Nun waren wir Redakteure dran. Meine erste Frage lautete: „Was tut die Bundesregierung gegen die Lohnungerechtigkeit gegenüber Frauen in Deutschland?“. Herr Seibert unterstrich zunächst, wie ungerecht die Bundesregierung diese Ungleichheit fände; Frauen und Männer sollten für die gleiche Arbeit auch den gleichen Lohn bekommen, „denn etwas anderes wäre ja nicht erklärbar“, sagte er. Seibert gab zu, dass es immer noch Unterschiede gebe, doch die Bundesregierung versuche, mit einer Vielzahl von Maßnahmen dagegen anzugehen. Die Einführung des Mindestlohns sei eine solche Maßnahme. Beschäftigte könnten zudem dank des Entgeldtransparenzgesetz erfahren, was andere Beschäftigte in ihrem Beruf verdienen und ob sie 20% mehr als der Durchschnitt oder 5% weniger verdienen. „Das ist schon ein gewisser Schritt“, meinte der Bundesregierungssprecher. Außerdem wurde die Frauenquote bei Aufsichtsräten eingeführt. Dies betreffe zwar bloß einen Teil der Bevölkerung, aber daran mache sich schon ein kleines Stück mehr Gleichheit fest, findet der Chef des Bundespresseamtes.
Unsere zweite Frage ging in eine andere Richtung. „Wie werden, Ihrer Meinung nach, junge Menschen motiviert, wählen zu gehen?“, lautete sie. Seibert stellte zunächst fest, dass das Wählen eines unserer wichtigsten, demokratischen Rechte ist. Die jungen Erwachsenen von heute hätten viel mehr Möglichkeiten herauszufinden, was überall auf der Welt passiert. Dank sozialer Medien und starker Vernetzung bekämen wir viel besser mit, wie die politischen Verhältnisse in anderen Ländern sind. Dieser Blick über den Tellerrand der Ländergrenzen sei unheimlich wichtig. Denn somit wüssten wir auch, dass es ein großes Glück ist, frei wählen zu dürfen, ohne bedroht zu werden oder verhaftet. Allein diese Freiheit sei ein starkes Argument dafür, wählen zu gehen. Aber die Hauptbegründung und auch diejenige, die er seinen Kindern gebe, sei: „Bei jeder Wahl geht es um die Zukunft dieses Landes und damit auch ganz besonders um die Zukunft eurer Altersgruppe, die sie noch viel länger erleben wird, als ich. Und deswegen ist es schon gut und richtig, dass man sich überlegt was sind die Weichenstellungen, die mir am meisten entsprechen? Was ist das, was ich eigentlich will, für dieses Land? Wo sehe ich die Schwerpunkte? Dann muss man sich die Parteien angucken. Das ist kein leichter Prozess, aber ich würde immer an ihm teilnehmen.“
Es folgte eine Publikumsfrage eines kleinen Mädchens, die jeden in der Lounge zum Lachen brachte. „Ist Frau Merkel denn eine gute Chefin?“ Auf die Antwort war dann insgeheim jeder gespannt. „Na? Was denkst du, was ich da jetzt antworte als Regierungssprecher? Aber ja, ich kann aus voller Überzeugung sagen, sie ist eine gute Chefin. Mit allem was dazugehört, finde ich schon.“ Und wir wissen inzwischen, dass sie das noch eine Weile bleiben wird.
Es gab noch eine Reihe weiterer Fragen an diesem Nachmittag und es zeigte sich, dass der Regierungssprecher mehr Zeit für uns eingeplant hatte, als von den Organisatoren gedacht. Ich hatte im Vorfeld befürchtet, dass keine wirklich politischen Fragen gestellt würden. Diese Befürchtung hat sich glücklicherweise nicht bestätigt, auch wenn ich mir noch mehr Inhaltliches, vielleicht sogar Kontroverses gewünscht hätte. Und manche seiner Antworten haben mich nicht zufrieden gestellt, da sie zu allgemein blieben.
Trotzdem war es eine tolle Erfahrung für mich und unsere Shyft.
Assya Jomrock, 9b

 

Literatur in der Schule –
brauchen wir einen literarischen Kanon?

„Kabale und Liebe“, „Der Richter und sein Henker“, „Das Fräulein von Scuderi“ und „Die Leiden des jungen Werther“. All diese Buchtitel sind den meisten von uns Schülern ein Begriff. Bei dem einen wecken sie vielleicht Freude, doch bei den meisten eher schlechte Erinnerungen. Bücher in der Schule sind oft etwas, das von dem Großteil der Jugendlichen verabscheut wird: „Schon wieder eines dieser alten Bücher? Das ist doch gar nicht mehr aktuell und die Sprache erst – versteht doch kein Mensch.“
So oder so ähnlich habe ich auch gedacht, nachdem wir das vierte oder war es das fünfte Buch innerhalb von 2 Jahren in der Unterstufe gelesen haben. Dazu noch diese scheinbar endlosen Aufgaben, die von Charakterisierungen bis zu Zusammenfassungen eines 30 Seiten Kapitels so ziemlich alles beinhalteten. Für mich persönlich war das ziemlich demotivierend und im Verlauf der Deutschstunde wurde ich zunehmend müder und es fiel mir schwer, nicht dem Ende der Stunde entgegenzufiebern.
So kam es also dazu, dass ich, ein sehr viel lesendes Kind, als junger Jugendlicher kaum noch las, was ich im Nachhinein ziemlich schade finde. Vielleicht fühlte ich mich zu cool, um ein Buch in die Hand zu nehmen, denn Bücher sind doch völlig überholt im Zeitalter von Smartphone und Fernsehen!? Ja, so dachte ich tatsächlich. Mit der Einschulung am Gymnasium war es fast so, als würde ich eine unsichtbare Barriere überschreiten und nahm kaum noch ein Buch zur Hand, um zu schmökern. Dass das nicht nur mir so ging, sondern vielen meiner Mitschüler, bemerkte ich schnell und so kam es schließlich dazu, dass sich das Lesen bei mir im Gehirn als etwas, was nur „komische Menschen“ machten, verankerte.
Wie es wieder dazu kam, dass ich anfing zu lesen, kann ich ehrlich gesagt nicht mehr genau sagen, jedoch weiß ich, dass meine Wahl, Deutsch als Leistungsfach zu nehmen, wesentlich dazu beigetragen hat. Es ist eigentlich merkwürdig, dass ich genau das Fach genommen habe, was mich in der Unterstufe schlicht gelangweilt hat. Doch was auch immer mich zu dieser Entscheidung bewegt haben mag, ich bin froh darüber, denn so wurde mein Interesse an Literatur wieder geweckt. Ich habe meine Freude mittlerweile auch an älteren Büchern gefunden und meine Einstellung zum Lesen hat sich schlicht grundlegend geändert.
Doch ob es für den Schullunterricht nun wirklich einen literarischen Kanon braucht, kann ich trotz meiner im Endeffekt positiven Erfahrung nicht sicher sagen. Denn obwohl ich die Bücher, die wir in der Sekundarstufe I lasen, ziemlich ätzend fand, haben sie doch mein Interesse in der Oberstufe wieder geweckt. Vielleicht kommt es auf die Aufmachung an und zwar darauf, wie der unterrichtende Lehrer die ganze Sache angeht, aber es kann genauso gut sein, dass sich meine Meinung nur geändert hat, weil ich älter und dadurch auch reifer geworden bin. Doch was auch immer der Grund gewesen war, der Deutschlehrer oder die Deutschlehrerin sollte auf jeden Fall den Gedanken im Hinterkopf behalten, dass für die meisten Jungendlichen lesen öde ist und es daher eher kontraproduktiv ist, massenhaft Bücher zu lesen und die zehnte Charakterisierung anfertigen zu lassen. Trotzdem fände ich es sehr schade, wenn es keine Pflichtlektüren mehr geben würde, denn viele dieser Bücher hätte ich sonst nie auch nur mit dem kleinen Finger angerührt. Sie gehören meiner Meinung nach zur Allgemeinbildung. Deshalb denke ich, dass die Pflichtlektüre zu verbannen, ein großer Fehler wäre. Wo würden wir landen, wenn wir nur noch moderne Bücher läsen, würde dann überhaupt ein einziger Schüler das Lebensgefühl und die Denkweise längst vergangener Zeiten nachvollziehen und verstehen können?
Im Endeffekt kann man sich immer nur auf Geschriebenes beziehen, wenn man von vergangenen Jahrhunderten spricht und Schullektüren, auch Gedichte tragen einen wesentlichen Teil dazu bei. Fachübergreifend zu verstehen, was die Menschen zur damaligen Zeit bewegt hat und worin ihre Probleme lagen – das ist ein wichtiger Grund, dem Unterricht zu folgen.
Julia Vorderwülbecke, 3. Semester, September 2017.

 

Der Integrationskurs besucht das Symposium des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)

Wir sind der Seminarkurs für Integration und Partnerschaft des Walther-Rathenau-Gymnasiums. Am 23. März hatten wir die Chance, an einem Symposium des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt Universität teilzunehmen. Das Institut ist erst im April 2014 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, dem Deutschen Fußball-Bund, der Bundesagentur für Arbeit, der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und der Humboldt-Universität zu Berlin gegründet worden.
Wir hatten im Februar bereits Gelegenheit, den Direktor Prof.Dr. Wolfgang Kaschuba für ein Gespräch über die Integrationspolitik in Deutschland und Europa zu treffen.

Dieses Mal fanden wir uns im Auditorium der Universität mitten in der Stadt ein. Wir waren die einzigen SchülerInnen unter den TeilnehmerInnen. (Und es war wohl auch ein Novum, dass hier so junge Zuhörer, wie wir es sind, auftauchten.)
Das Symposium fing vielversprechend an, da uns zunächst Prof.Dr.Dr. Sabine Kunst (Präsidentin der Humboldt Universität) mit den Worten begrüßte, dass sie erfreut und es eine “wichtige Aufgabe unserer Universität” sei, in die Veranstaltung einzuführen und sie zu würdigen. Wir erhielten einen Einblick in die Geschichte des BIM und deren Forschungsarbeit. Danach sprach Prof.Dr.Kaschuba. Wie wir bereits im Seminar von ihm gelernt hatten, sind die 3K’s (Kommunizieren, Kochen, Kicken) für die fast 1,2 Mio Geflüchtete, die seit 2015 in Deutschland angekommen sind, von zentraler Bedeutung für deren erfolgreiche Integration.
Sodann wurden von einigen Arbeitsgruppen des BIM (es gibt sehr viele von ihnen und sie arbeiten zumeist interdisziplinär) die wichtigsten Forschungsergebnisse skizziert. Bereiche wie im Sport und Bildung (auch unter Beachtung der Geschlechterverteilung) standen besonders im Vordergrund. Letzter Punkt war für uns sehr interessant, da wir ja selber noch Schüler sind und einige Geflüchtete inzwischen zu unseren Mitschülern zählen. Sie besuchen eine unserer Willkommensklassen, die Brückenklasse oder sogar bereits eine Regelklasse an unserer Schule.
Ein Forschungsergebnis fanden wir besonders erstaunlich: Bei der eigenen Gruppe werden Eigenschaften, die bei fremden Gruppen abgelehnt werden, akzeptiert und sogar unterstützt. So ist es kein Problem, wenn “deutsche” Frauen in klassischen Rollenbildern leben, allerdings wird von der Gruppe geflüchteter Frauen erwartet, dass sie solche Rollenbilder ablegen.
An diesem Tag wurden eine Reihe Probleme angesprochen und diskutiert. Doch, wie es in einem empirischen Institut nun einmal ist – es wird lediglich erfasst, belegt und auch empfohlen. Der Umfang und die Menge der Datensammlungen, die im letzten Jahr im BIM entstanden, sind allerdings beeindruckend. Wiederholt wurde darauf hingewiesen, dass „dieses Flüchtlingsjahr ein Lehrjahr für die Wissenschaft war” (Prof.Dr.Kaschuba), wobei das BIM eine zentrale Rolle hatte. Nun ist es an den Politikern, Lösungswege zu finden und zu beschreiten.
Ein wichtiges Fazit formulierte die Staatsministerin Aydan Özoguz, Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration. Sie mahnte während der Podiumsdiskussion, Rückmeldungen aus der Gesellschaft ernst zu nehmen, eine stärkere Vernetzung zwischen den Forschungsinstituten zu schaffen und ein Integrationsministerium zu gründen.
Wir sind sehr froh, diese Einblicke erhalten zu haben und freuen uns auf die weitere Arbeit im Integrationskurs, der noch spannende Begegnungen mit weiteren Forschern sowie einen Austausch mit einer SchülerInnengruppe in Belgrad vorsieht.
Johanna Schmitz, 2. Semester

 

Klick trifft Shyft

Vor den Herbstferien gab es am WRG einen Austausch mit Jungredakteuren aus Mitteleuropa. "Klick" - das ist die Schülerzeitung einer europäischen Initiative Schulen - Partner der Zukunft(Pasch) am Goethe-Institut in Budapest.

Im Rahmen dieses Projektes war das WRG Begegnungsort des Klick-Teams mit unserem Seminarkurs Integration und Partnerschaft, unserer Schülerzeitung Shyft und unseren beiden Willkommensklassen. So trafen die Klick-Redakteure geflüchtete Jugendliche und erhielten einen Einblick in die deutsche Schullandschaft. Besonders interessant war der Austausch darüber, wie von den TeilnehmerInnen die Flüchtlingssituation beschrieben und im Kontext der jeweiligen Erfahrungen und Politik der Heimatländer reflektiert wurde. Zwei Redakteure aus der Slowakei haben ihre Eindrücke in dem Artikel „Eine Woche in Berlin“ zusammengefasst. Zwei weitere Artikel entstanden bei den Interviews unserer SchülerInnen:Willkommen in BerlinNeue Winde in BerlinEine exotische Insel in der Schule

Die StudentInnen und SchülerInnen tauschten sich aber nicht nur aus, sondern erkundeten bei einer Stadtrallye gemeinsam den Bezirk Kreuzberg und nahmen zusammen an Workshops zur journalistischen Arbeit in der gelben Villa teil. Hier fand zum Abschluss des Besuches auch eine feierliche Präsentation der Ergebnisse des Treffens statt.

Wir danken unseren Gästen für ihre Offenheit und ihr Interesse und freuen uns auf die Fortsetzung der Schülerbegegnung im nächsten Jahr.

Dorothee Poche und Antje Körting-Dornieden

 

 

Podiumsdiskussion

Am 7. Juli 2016 fand an unserer Schule eine Podiumsdiskussion statt, bei der Politiker aus vier verschiedenen Parteien vertreten waren: Carsten Engelmann aus der CDU, Reinhard Naumann von der SPD, Petra Vandrey von den Grünen und Katrin Lompscher von den Linken.

Drei verschiedene Themen wurden zur Sprache gebracht: Die Bildungspolitik, die Flüchtlingspolitik und die Einführung des Wahlrechtes ab 16 Jahren.

Den ersten Teil habe ich leider verpasst (es wurde über unter anderem über G8 und G9 gesprochen) und kam erst mitten in einer Diskussion über die Flüchtlingspolitik dazu, als gerade über die Willkommensklassen gesprochen wurde. Die Politiker waren sich darin einig, dass die „Klassen mit Neuzugängen ohne Deutschkenntnisse“ für die betreffenden Schüler nur eine vorübergehende Lösung sein könnten und man die Integration in den „normalen“ Schulalltag mehr fördern sollte. Die Diskussion schlug schließlich die Richtung zu den Flüchtlingsunterkünften ein, wobei sich wieder alle einig waren, dass diese menschenunwürdig seien, da sie oftmals kaum Privatsphäre zuließen.

Die Zeit verging leider viel zu schnell, sodass die Diskussion unterbrochen werden musste, obwohl noch sehr viel mehr hätte diskutiert werden können.

Beim Thema Einführung des Wahlrechtes ab 16 zeigte sich nur Carsten Engelmann skeptisch, während die anderen dafür waren, dass man schon mit diesem Alter auf Landesebene mitwählen dürfen sollte. Engelmann argumentierte, dass hier die Altersgrenze bei 18 liege, da dies auch in anderen Bereichen so sei, als Beispiel wurde unter anderem der Führerschein genannt. (Es kam das Gegenargument, dass man allerdings schon ab 14 strafmündig sei.)

Auch bei diesem Thema musste vorzeitig unterbrochen werden, was mich zu meinem ersten Kritikpunkt führt: Die Zeit war viel zu knapp. Eine begrenzte Zeit ist natürlich nötig, da man vor allem in der Politik ewig diskutieren kann, aber ich hatte das Gefühl, dass die Diskussion gar nicht erst richtig in Gang kommen konnte.

Außerdem fand ich es schade, dass die Veranstaltung eigentlich nur für Oberstufenschüler gedacht war, was auch der Grund dafür war, dass ich verspätet dazu kam. Das erste Thema, die Bildungspolitik, hätte mich nämlich am meisten interessiert.

Die Themenwahl an sich fand ich gut und da man von den Medien häufig mit dem Thema Flüchtlingspolitik konfrontiert wird, fand ich es auch mal ganz interessant die Politiker persönlich darüber reden zu hören. Wobei man sagen muss, dass man nie wusste, was einfach nur so geredet und was wirklich ernst gemeint war. Die Diskussion über das Wahlrecht ab 16 fand ich ebenso interessant, was wahrscheinlich daran liegt, dass es mich mehr betrifft.

Ich finde es sehr gut, dass Politiker zum direkten Austausch zu solchen Diskussionen an unsere Schule eingeladen werden. Ich würde mir wünschen, dass solch eine Veranstaltung beim nächsten Mal für alle Jahrgangsstufen zugänglich ist und Podiumsdiskussionen öfters stattfinden, da junge Leute dadurch wahrscheinlich bessere Einblicke in die Politik bekommen und vielleicht sogar angeregt werden, sich damit selbstständig mehr auseinanderzusetzen.

Ich danke Frau Dr. Vorwald dafür, dass sie diese Veranstaltung für uns organisiert hat.

Antonia Schiewe, 10b

Juli 2016

 

 

Sonne, Strand und Politik
Eine Woche Türkei mit dem Seminarkurs

Sonnenschein empfängt uns, als wir aus dem Flughafen auf den Parkplatz treten. Dösig blinzeln wir gegen die Helligkeit an, schieben die Ärmel hoch und flüchten uns dann rasch zurück ins Klimatisierte; in die Busse, die uns zu unserem Hotel in Izmir bringen sollen. Drei Tage werden wir, der Seminarkurs Integration und Austausch, in der türkischen Großstadt verbringen, bevor wir weiterziehen, zu unseren Gastfamilien nach Balikesir.

Die Häuser der Innenstadt ragen hoch um uns auf, die Ventilatorkästen der Klimaanlagen an den Hauswänden. Zwischen den Hausdächern ein breiter, weißer Streifen Himmel, unterbrochen nur durch die Leinen, von denen Türkische Flaggen baumeln – ihre großen Geschwister wehen von jedem zweiten oder dritten Hausdach – manchmal auch Transparente, die das stilisierte Portrait eines Mannes mit scharfen und doch gutmütigen Gesichtszügen zeigen. „Wer ist das?“, fragt jemand: „Erdogan?“ - „Das ist Atatürk!“, kommt es von links. Seine Augen folgen uns die Straße hinunter, bis hin zu unserer Unterkunft, in deren Glasfassade sich der Hotelketten eigene internationalisierte Anonymität spiegelt und die sich erschreckend gut in das sie umgebende beflaggte Häuserschachbrett einfügt.

Drinnen: Runtergekühlt auf 21 Grad Raumtemperatur, Schlüsselkarten, Topfpflanzen, eingeschweißte Zahnbecher – wie in Stockholm, wie in Berlin, wie überall auf der Welt. Es riecht nach mit Chlor versetztem Leitungswasser. Aus den Glastüren hinaus auf die Straße zu treten, fühlt sich jedesmal wieder an, als würde man in eine andere Welt fallen: Nicht nur die plötzliche Wärme, auch die Farbtöne sind ganz andere – sandiges Ocker und Orange, die mich vage an Rom erinnern, dazu der von den Fassaden blätternde Putz, das goldene Licht. Wie der kosmische Gegenentwurf zu den geometrisch gefügten Gehwegplatten am Bahnhof Zoo und dem Lindenblütengeruch in meiner Straße – wahrscheinlich ist es einfach das, was man „Süden“ nennt.

Am Abend versinkt die Sonne im Meer und wir sitzen beinebaumelnd auf der Kaimauer an der Strandpromenade, beobachten die Lichter, die im tiefer werdenden Dunkel den Verlauf von Inseln und Buchten nachzeichnen. Wir sind eine relativ kleine Truppe, die hier im Mondschein sitzt und dem schmatzenden Schlagen der Wellen lauscht – achtzehn Leute – und unsere in Berlin am Flughafen noch scherzhaft als solche betitelte „Familienreise“ fühlt sich in diesen kleinen Augenblicken der Stille tatsächlich ein wenig so an.

Die gewundenen Straßen von Izmir verschwimmen rückblickend mit dem Strandbesuch in Cesme, dem EM-Gucken am Abend – die Sonne am blauen Himmel, der Geschmack von bitterem Wasser aus Plastikflaschen, (die mit ihrem aufgedruckten Bergpanorama ein bisschen wie Wodkaflaschen aussehen), den zahlreichen Happy Birthday's und Viel Glück und viel Segen's, die wir beinahe stündlich für unsere beiden Geburtstagskinder (Immo und Frau Poche) singen und die ersten schiefen Klänge von Dona Nobis Pacem, der Hymne unserer Reise, die wir auf der endlosen Busfahrt nach Balikesir für die Abschiedsfeier am letzten Reisetag einzuüben beginnen.

In Balikesir ist die Luft trocken; dick und fast schon staubig steht sie zwischen den Hügeln und Häusern. Die Wohnung meiner Gastschülerin Irem liegt auf einem Hügel, wie eigentlich alles in Balikesir. Sie liegt in einem Soldatenwohnviertel mit handgemalten Straßenschildern. Die Stufen im Treppenhaus sind aus unebenem Beton, in den Mulden steht das schaumige Wasser vom Putzen. Die Räume sind hoch und rechteckig-schlicht, genau wie die Türen; aneinandergefügt wie Bauklötze, die Böden gefliest, alles weiß lackiert. Gegenläufig dazu die verspielten Möbel: Blümchenverziertes Geschirr, cremefarbenes Sofa, dicke Engel aus Gold an der Wohnzimmerwand. Eine bemüht heimelige Einrichtung, ein aufgeschlagenes Lager der Gemütlichkeit gegen die kahlen, hohen Wände. Die Yamans leben noch nicht lange hier, vorher wohnten sie in Songuldak, auch mal in Ankara, ein Jahr sogar auf Zypern – sie reisen viel herum, des Vaters wegen. „Your flat looks like a Kreuzberger-WG-Wohnung!“, rufe ich begeistert und Irem grinst verständnislos über mein Lachen.

Abends, nach dem gemeinsamen Essen mit der Gruppe, stehen wir im Dunkeln auf dem Bürgersteig, um uns brausen die Autos. „Ich ruf meinen Vater an“, sagt Irem. Ich schüttle meine eingeschlafenen Füße und strecke mich. „Können wir nicht lieber laufen?“ - „Nein, das ist zu gefährlich“, sagt Irem: „Man sollte hier nachts nicht alleine rumlaufen.“ Um uns ist alles friedlich, eine junge Katze liegt auf den Stufen eines geschlossenen Geschäfts gegenüber und miaut kläglich.

Wer in Balikesir nicht auf den Bus warten will, der nimmt ein Lienentaxi. „Kostet genausoviel Geld wie Busfahren, geht aber schneller“, informiert mich Irem und hält souverän einen vorbeifahrenden Kleinwagen an. Auf dem Dach ist ein Schild mit der dazugehörigen Buslinie befestigt. Wir quetschen uns auf die Rückbank, Irem reicht einige Münzen nach vorne, dann geht es los durch die hügeligen Straßen. Neubausiedlungen sind am Stadtrand ins Grün gebaut, kopftuchtragende Omis steigen zu und wieder aus und schließlich erreichen wir die Schule, ein langgestrecktes, klobiges Gebäude mit Sicherheitsschranken davor (die allerdings erst nächstes Jahr in Betrieb genommen werden), mit Rosenbüschen auf dem Hof und bunten Malereien an den Cafeteriawänden.

Und dort, direkt neben dem Schultor, steht er wieder: Atatürk. Den starren Blick kenne ich inzwischen gut von der kleinen Gipsbüste auf Irems Nachttisch. „1881 - ∞“ prangt in eisernen Lettern darunter. „Bis unendlich?“, frage ich skeptisch. „Ja. Er lebt in unseren Herzen weiter.“ entgegnet Irem abrupt und irgendwie klingt es ein kleinwenig auswendiggelernt.

In der Cafeteria widmen wir uns unserer Projektarbeit und erstellen Plakate zum Thema Vorurteile und Charakterisitka von Deutschen und Türken. Und ehe die türkischen Mitglieder unserer Gruppe sich's versehen, prangen auf unserem Plakat neben ausgeschnittenen Sonnenuntergängen und Nüssen mit schwarzem Edding zensierte Modelfotografien, ausgestrichene Crossdresser und das Bild einer Mathematiklehrerin, das wir mit zahlreichen Putzmittelflaschen dekoriert haben. Etwas furchtsam schielen wir schließlich zu unseren Austauschpartnern herüber. Die werfen einen raschen Blick auf unser Werk und brechen dann in Gekicher aus, besonders böse scheinen sie uns also nicht zu sein. Fragen stellen sie allerdings auch keine und auf unser „Isn't it like that?“, folgt nur erneutes Kichern.

Nachdem das erste politische Eis gebrochen ist, dringen unsere Gespräche allmählich immer weiter in die heiklen Bereiche der jeweiligen Landespolitik vor. Morgens beim Frühstück, die Sonne scheint durch die mit Kirschmuster bestickten Vorhänge, fragt Irem plötzlich: „Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber sprecht ihr in der Schule eigentlich über Hitler?“ Ich erzähle ihr vom Holocaustdenkmal in Berlin, von den verschiedenen Herangehensweisen an das Thema im Geschichtsunterricht, von Lichtermärschen, Stolpersteinen und von Björn Höcke, dem AfD-Mann, der Geschichtslerher ist. Unser Gespräch spinnt sich weiter über den Wahnsinn, die politischen Diskussionen auf dem Rücken von Flüchtenden auszutragen bis hin zu türkischen Politikern, die im Wahlkampf Lebensmmittel in arme Regionen verschicken: „Ich habe ja auch keine Ahnung von Politik“, sagt Irem: „Aber was die verschiedenen Parteien wollen, dass sollten man schon wissen, finde ich.“ - „Ich habe ja keine Ahnung von Politik“ - das schiebt sie wie ein Schutzschild vor jede ihrer Äußerungen; eigentlich unbegründet. Später gesteht sie: „Ich will mich ja eigentlich gar nicht für Politik interessieren, aber ich habe solche Angst vor dem, was unsere Regierung als nächstes tun wird.“ Dabei hat sie Tränen in den Augen.

Doch für all den politischen Gesprächsstoff bleibt im Rausch der Tage nur wenig Zeit, er schlägt sich vor allem in Randbemerkungen nieder. Unser Bus trägt uns durch die schmerzhaft schönen Hügellandschaften des Umlands zur historischen Stätte Pergamon. Es ist doch eigentlich recht wenig, was dort noch von der antiken Pracht des (zugegebenermaßen beeindruckend schönen) Ortes zeugt: Die bröselnden Stufen des Amphitheaters, Steinbrocken, die mühevoll in Form der Tempelgrundrisse aufgeschichtet wurden, ein Kasten mit einer Modellnachbildungen vom berühmten Pergamonaltar vor dem atemberaubenden Ausblick über die Hügel. Der Altar sei im Zuge der Ausgrabungen „nach Deutschland gebracht worden“, sagt ein Seminarkursschüler, als wir gemeinsam im Schatten der Bäume auf einigen antiken Steinbrocken sitzend seinem Referat lauschen. Der türkische Lehrer zuckt beim Übersetzen sichtlich zusammen, Getuschel breitet sich unter den türkischen Schülern aus. „Gestohlen...“, raunt Irem mir später zu: „..gestohlen muss es doch eigentlich heißen, ich mein's nicht böse...“

Einen anderen Tag verbringen wir, beschallt von geremixter Partymusik, auf einem Ausflugsschiff. Unter Deck gibt es Fisch und Salat; irgendwie entbrennt eine Diskussion über Vegetarier und Veganer (davon gibt es in der deutschen Gruppe – oh Wunder! - eine ganze Menge) und über Tierhaltung und Ausbeutungswahnsinn im Allgemeinen. Bei den türkischen Schülern trifft das eher auf Unverständnis – hier kommen Milch, Käse und Gemüse häufig von der auf dem Land lebenden Großmutter und nicht aus den sterilen Gängen eines Aldi oder Lidl.

In dem Thermalbad, dass wir mit unseren Austauschschülern besuchen, dröhnen ebenfalls überdrehte Bässe und elektronisch modifizierte Frauenstimmen über das Außengelände. Auch zu den Bänken weiter hinten im Grünen dringt noch ein gemäßigtes „This ist not how I woke up/But it's how I look now“ und gibt dem sonnengetränkten Ausblick über Froschteich, Felder und die abblätternde Fassade des Thermalhotels einen Soundtrack, den man schwer wieder aus dem Kopf bekommt. In der Dämmerung sitzen wir gemeinsam im Rasen, später in der Hotellobby. Aufgekratzte Diskussionen klingen die fünf Stockwerke bis zum Glasdach hinauf und wieder hinunter. Gegenstand ist der eben gehörte Schülervortrag zum Thema Frauenrechte und die Behauptung, jede dritte Frau in der Türkei litte unter Gewalt und Unterdrückung. Zweifel kommen von deutscher und deutsch-türkischer Seite auf, begleitet von der Angst, ungewollt europäische Arroganz zum Ausdruck zu bringen. Befragte türkische Schülerinnen stimmen der These allerdings zu: „Vieles ist schlimm, was den Frauen hier passiert.“ Unseren Austauschschülern scheint der kritische Umgang mit dem Heimatland deutlich leichter zu fallen als manchem Deutschtürken.

Meine Gastmutter, blond und kurzhaarig, schiebt als Krankenschwester im Dreitagesrhythmus 24-Stunden-Schichten im benachbarten Krankenhaus und schmeißt nebenbei den Haushalt. Sie ist jung und hübsch, über den Esstisch hinweg tauscht sie mit ihrem Mann verliebte Blicke aus. Das W-Lan Netzwerk ist nach ihr benannt. Einmal zeigt sie uns, wie man den köstlichen türkischen Kaffee kocht. In der Küche drängen wir uns um den brodelnden Topf zusammen, nur Irems Vater bleibt im Wohnzimmer sitzen. Ob ihr Mann eigentlich wisse, wie man Kaffee kocht, fragt Philip neugierig. „Ich weiß nicht genau“, entgegnet Irems Mutter und fügt augenzwinkernd hinzu, „aber selbst wenn er es wüsste, er würde ihn ja doch nicht machen.“ „Ich glaube nicht, dass Papa Kaffee kochen kann“, grinst Irem darauf, „er kann ja nicht mal Essen kochen – wenn du arbeiten bist, bestellen wir uns immer was.“

Am letzten Tag fahren wir alle gemeinsam in das Einkaufszentrum am Stadtrand. Im Auto hören wir Musik von einer Best Of Turkish Pop Music CD und Irem und ihre Eltern singen lautstark mit. „Die CD lag hier schon im Handschuhfach, als wir das Auto kauften“, erzählt mir Irem und zu den türkischen Gesängen über Liebe und Herzschmerz ziehen ein letztes Mal die felsigen, mit störrischem Grün bewachsenen Hügel an mir vorüber. Ein letztes Mal brennt die türkische Sonne auf unseren Schultern, ein letztes Mal lauschen wir dem elektronisch verstärkten Moscheeruf; ein fremdartiges Lied, das uns für einen Augenblick zum Schweigen bringt, eine Kostprobe aus einer fernen, märchenhaften Welt.

Der Morgen unserer Abreise ist früh und verschlafen, die Luft schon warm. Eigentlich können wir nicht gehen, die Vorstellung hat etwas Unwirkliches. Irem und ich liegen einander in den Armen, ich verspreche wiederzukommen. „Dann zeigen wir dir Ankara und Songuldak“, sagen ihre Eltern. Schließlich umfängt uns wieder das klimatisierte Innere des Busses. Draußen liegen die Hügel und Sträucher unter dem blauen Himmel schon etwas fremd und irreal da, als wir uns auf den Weg zum Flughafen machen.

Zuhause heißen mich die grauen Steinbauten am Zoo und die Linden vor dem Fenster willkommen, die erdigen Töne und die goldene Hitze der Türkei wirken plötzlich wie ein ferner Traum. Die Reste davon hängen in meinen Kleidern und haften an meiner Haut; ich habe das Gefühl zu glühen, ein sonniger, aufgeheizter Fremdkörper in meinem geliebten Berlin zu sein. Das wird wohl der Zauber des Südens sein, denke ich, als ich später am Fenster sitze und den Nachklängen dieser Fahrt lausche, die Frau Poche zu Recht als „herrlich“ bezeichnen würde (und es genau genommen auch deutlich mehr als einmal getan hat). Seltsam, denke ich, wie groß die Welt doch ist und wie wenig wir eigentlich davon zu sehen bekommen.

Ein riesengroßes Dankeschön an Frau Poche und Frau Körting-Dornieden, die uns Schülern jedes Jahr wieder das Tor zu einem neuen Stückchen Welt aufstoßen und natürlich auch an Herrn Ünal und die Schüler unser Partnerschule RKAL, die uns diese wunderbare Erfahrung erst möglich gemacht haben! Auf dass dieser Seminarkurs mit seinem Austauschprogramm noch viele weitere Jahre fortbestehen möge!

Lisa Starogardzki, 4. Semester, Juni 2016

 

Mein Fantreffen im Mai 2016

Ich hatte die Möglichkeit, die Schauspieler Jella Haase (Mitte), Paula Beer (Links) und Moritz Leu (Rechts) - alle bekannt aus dem Film „Die vier Könige“ - zu treffen.

Zum Erscheinungsdatum dieses Films fand in der Mall of Berlin nämlich ein Fantreffen statt. Es wurde in einem kleinen Rahmen abgehalten mit nicht mehr als 30 Personen.

So schön es war, so schnell war es auch wieder vorbei.

Was mich persönlich sehr beeindruckte, war, dass die Schauspieler jedesmal aufs neue ein Lächeln auf den Lippen hatten und sich wie ganz normale junge Erwachsene mit uns unterhielten.

 

Da habe ich es mir nicht nehmen lassen, Jella Haase zwei kurze Fragen zu stellen.

1.

Shyft: Würdest du lieber in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen?

Jella Haase: Ich würde lieber Vergangenheit in die reisen können.

 

2.

Shyft: Würdest du lieber fliegen oder Gedanken lesen können?

Jella Haase: Ich würde lieber fliegen können.

von Sinya Coupar (7. Klasse)

 

Shyft im Spiegel

Wie hoch ist die Auflage? Wie macht ihr das mit der Finanzierung?

Für die erste Printausgabe unserer Zeitung hatten wir uns für eine Auflage von 250 Stück entschieden. Da der Verkauf aber etwas schleppend anlief, planen wir für die zweite Ausgabe eine deutlich niedrigere Auflage von 50 bis 100 Stück.

Finanziert werden wir hauptsächlich durch den Förderverein unserer Schule, aber auch durch die Stiftung Grunewald-Gymnasium. Da unsere Verkaufserlöse unsere Druckkosten kaum decken können, gibt es an unseren Verkaufsständen manchmal auch zusätzlich Waffeln oder Kuchen, um etwas für die Redaktion dazu zu verdienen.

Was würdet ihr als eure Stärke beschreiben?

Die größte Stärke unserer Schülerzeitung ist definitiv unser Teamgeist. Als Redaktionsteam treffen wir uns eigentlich jede Pause bei uns im Schülerzeitungsraum (auch „das Kabuff“ genannt), gehen nachmittags zusammen ins Schwarze Café oder machen gemeinsame Schülerzeitungsfahrten. Durch die SHYFT haben sich enge Freundschaften zwischen Schülern aller Klassenstufen entwickelt, sodass wir als Team viel mehr als nur die Redaktion unserer Zeitung sind. Aus dieser Konstellation resultiert natürlich auch eine ganz besondere Ideenvielfalt, die sich in unseren Texten niederschlägt.

Da unsere Zeitung einen etwas schwierigen Start hatte und manchmal sogar die Existenz der SHYFT auf der Kippe zu stehen schien, kann man wohl auch unser Durchhaltevermögen zu unseren besonderen Stärken zählen. Denn obwohl uns unsere Arbeit nicht immer leicht fällt, ist Aufgeben für uns nie eine Option gewesen!

Teamstruktur: Wer macht bei euch mit?

Bei uns arbeiten Schüler der Klassenstufen 7 – 12 alle gemeinsam. Grundsätzlich gehört jeder zum Team, der sich irgendwie in die Zeitung einbringt oder dafür engagiert. Wir haben aber auch einige Schreiber, die sich abgesehen von ihren Texten aus der Redaktionsarbeit größtenteils heraushalten. Ob man letztendlich in die Teamabstimmungen miteinbezogen wird, hängt von der Präsenz bei den Treffen ab und ist häufig auch eine „Gefühlsfrage“.

Was sind eure größten Probleme und Herausforderungen?

Da wir uns als Redaktionsteam vor allem als soziales Gefüge verstehen, fällt es uns häufig schwer, eine richtige „Arbeitsatmosphäre“ aufkommen zu lassen. Vor allem mit dem Setzen und Einhalten von Terminen und Deadlines haben wir so unsere Probleme.

Ein anderes Thema ist die eher „lockere“ Handhabung der Teamzugehörigkeit, weswegen es bei der Frage, wer in unseren Schülerzeitungsraum oder in unsere Whatsappgruppe darf, auch mal zu Streitigkeiten kommt.

Ausblick: Wie läuft's 2016?

Nach einem kleinen prüfungsbedingten Kreativitätstief (MSA und Abitur lassen grüßen!) sind wir nun wieder dabei, uns als Team ein bisschen zu sammeln und freuen uns auf das baldige Erscheinen unserer zweiten Printausgabe, die sich in der finalen Phase des Layouts befindet.

Die Fragen stellte uns das Jumpa Magazin. Mai, 2016

 

Unwort des Jahres

"Gutmensch" ist das Unwort des Jahres 2015. Das hat die Jury der sogenannten Sprachkritischen Aktion entschieden.
Die Begründung ist einleuchtend; im Zusammenhang mit der Flüchtlingssituation wird das Wort Gutmensch oft tendenziös benutzt, um diejenigen zu diffamieren, die ehrenamtlich Flüchtlingshilfe leisten oder gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime protestieren. Toleranz und Hilfsbereitschaft werden also als „Gutmenschentum“ verhöhnt.
Beim Lesen der Entscheidung der Sprachwissenschaftler aus Darmstadt, fühle ich mich nicht angesprochen. Ich bin für Flüchtlingshilfe, bewundere Leute, die sich hierfür einsetzen und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich selbst nicht zu diesen Leuten zählen kann.
Allerdings erinnere ich mich auch daran, dass es Situationen gab, in denen ich selbst das Wort Gutmensch benutzt habe. Eine begab sich vor ungefähr einer Woche, als mir ein Freund erzählte, er werde seine Festivalkarte spenden, die andernfalls verfalle. Er sei gegen die Kapitalisierung von Festivals und wolle sie deswegen auf keinen Fall teuer verkaufen. „Du Gutmensch“, habe ich zu ihm gesagt, „über hundert Euro Verlust, weil du nicht willst, dass die Festivalerfahrung monetär beschmutzt wird.“ Und noch eine Situation fällt mir ein, in der ich jemanden als Gutmenschen betitelt habe: Eine Freundin, die sich aufregte, dass Suppenküchen für Obdachlose an den drei Weihnachtstagen geschlossen haben, da sie dort gerne über die Feiertage ausgeholfen hätte.
Wenn ich jetzt daran denke, hören sich meine Worte nicht nur etwas sarkastisch an, sondern richtig zynisch. Warum muss ich mich darüber lustig machen, dass jemandem Geld anscheinend weniger wichtig ist als mir, anstatt ihn für seine Großzügigkeit zu bewundern?
Und wieso werte ich die guten Absichten von jemandem ab, der an Weihnachten nicht nur an die Geschenke und die Gans denkt, sondern ganz im Sinne der Nächstenliebe auch an das Wohl anderer Menschen?
Aber vielleicht ist es vertrackter, als es auf den ersten Blick erscheint und wir antworten mit dieser abfälligen Bezeichnung auf einen stummen Vorwurf: Jemand handelt hilfsbereit und großzügig (kurz: gut) und wir fühlen uns, als suggerierte er uns, er sei ein besserer Mensch.
Angegriffen in unserem moralischen Selbstbild, werfen wir dem anderen sodann vor, er wollte sich über seine Handlungen profilieren und seinen Bestrebungen läge ein weltfremdes Helfersyndrom zugrunde. Ich selbst verkaufe Dinge, anstatt sie zu verschenken und ich spende mein Weihnachtsgeld nicht, weil ich es selbst behalten möchte. Das ist nicht nobel, das ist nicht das, was einen guten Menschen ausmacht, also verhöhne ich diejenigen, die es anders machen, indem ich ihre Absichten ins Lächerliche ziehe.
Gut, bei mir hat das immerhin keinen rechtspopulistischen Hintergrund, also kann ich mir einreden, dass ich nicht zu den Menschen zähle, die am Ende eines Jahres feststellen, dass sich grundsätzlich geirrt haben, da das Wort, welches sie so gern und so selbstgewiss benutzt haben, zum Unwort des Jahres gewählt wurde.
Trotzdem will ich für mich als nachträglichen Neujahrsvorsatz festhalten, jemanden lieber einen guten Menschen zu nennen und das ganz aufrichtig, anstatt vorschnell Gutmensch zu sagen, um mich nicht damit auseinander zu setzen, wieso ich selbst nicht ähnlich handle.
Übrigens, das Unwort des Jahres 2014 war Lügenpresse. Wenigstens in diesem kann ich ein reines Gewissen haben.
Charlotte Westendorf (ehemalige Schülerin des WRG)

 

... ist Bester Newcomer 

Der Verein "Junge Presse Berlin" und die Kultusministerkonferenz veranstalten jedes Jahr einen Wettbewerb für die Berliner Schülerzeitungen. Ohne uns ernstlich Hoffnungen zu machen, hatten wir unsere erste Printausgabe eingeschickt – und bekamen Ende Januar zu unserer Überraschung prompt eine Einladung zur Preisverleihung von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Sie sollte am 27. Januar 2016 im Roten Rathaus stattfinden; angekündigt waren die Senatorin Scheeres, die Europabeauftragte des Landes Berlin und der Chefredakteur der Berliner Morgenpost.

Da unser Team mittlerweile auf über 20 Personen angewachsen ist, gab es einige Aufregung darüber, wer von uns dabei sein durfte, denn die Teilnahme an der Preisverleihung war auf 10 Vertreter pro Schülerzeitung begrenzt.

Endlich war es soweit. Nach der 5. Stunde trafen wir uns und fuhren zusammen mit Frau Körting-Dornieden Richtung Alexanderplatz. Im Rathaus angekommen, waren wir überwältigt von dessen Schönheit und Imposanz, aber auch von der doch sehr formellen Stimmung, die uns umgab. Mehrfach wurden unsere Namen auf den Gästelisten kontrolliert.

In der Vorhalle stellten sich die Junge Presse und die Schülerzeitungen einiger Grundschulen vor. Da wir die ersten Gäste waren und noch genügend Zeit hatten, durchstöberten wir die Zeitungen der jungen Redakteure. Es gab auch einen Tisch mit interessanten Büchern, die später als Trostpreise verschenkt werden sollten.

Nach einer halben Stunde durften wir endlich in den großen Saal und nahmen unsere Plätze ein; eingeschüchtert von den riesigen Wandgemälden und den Kronleuchtern an den hohen Decken, neben denen wir uns plötzlich sehr klein vorkamen. Die Leo-Borchard-Musikschule unterstützte dieses feierliche Ambiente zusätzlich mit einer kleinen musikalischen Einleitung und bald darauf wurden wir von den Moderatorinnen begrüßt.

Die Auszeichnung der Schülerzeitungen erfolgte in vielen verschiedenen Kategorien, wobei auch Zeitungen aus Sonderschulen und Oberstufenzentren die Chance auf einen Preis bekamen. Die Moderatorinnen stellten die Preise vor und hielten kleine Ansprachen dazu. Ergänzt wurden sie durch szenische Lesungen aus den nominierten Zeitungen, die zwei Schüler aus dem 1. Semester vortrugen. Als „Beste Newcomer“ gewannen wir einen der Sonderpreise und erhielten ein Preisgeld von 150 Euro.

Anschließend gab es noch ein gemeinsames Gruppenfoto auf der Treppe und einen kleinen Empfang mit einem sehr leckeren Buffet. Nach der Preisverleihung fuhren alle glücklich, zufrieden, satt und immer noch ein wenig ungläubig nach Hause.

Die Einzelheiten zum Wettbewerb kann man unter http://jpb.de/szwettbewerb/ nachlesen.

Februar 2016, Dave Berschader, Assya Jomrok, Lisa Starogardzki und Antje Körting-Dornieden

 

Betriebspraktikum (10. Klassen)

... zum Beispiel bei Filmstarts.de

Eigentlich haben wir unseren Praktikanten nach seiner Top 10 gefragt, um herauszufinden, wie die Jugend heutzutage so tickt. Man muss ja am Puls der Zeit bleiben. Aber dann ist eine Liste entstanden, die auch von einem Redakteur stammen könnte…

Die 10 besten Filme 2015 (von unserem Schülerpraktikanten Emilio)

Lies weiter: http://www.filmstarts.de/nachrichten/18500759.html

Emilio Gärtner

 

Exkursion zum Konzentrationslager Sachsenhausen

Zum Abschluss des Themas Antisemitismus sind wir im Rahmen des Geschichtsunterrichts auf Exkursion zur Gedenkstätte Sachsenhausen gefahren, welches, wie ich finde, ein schwer zu beschreibendes Erlebnis ist, da man sich das gelernte und bisher nur auf Bildern veranschaulichte Wissen mit diesem Besuch besser naheführen kann.

,,Das kann man gar nicht begreifen, dass man plötzlich frei ist.'' (Steinitz)

Dieses Zitat war das Erste, was ich gelesen habe, bevor ich die Gedenkstätte Sachsenhausen betrat. Ich las es und wusste genau, dass mir dieser Besuch unter die Haut gehen würde. In mir entwickelte sich ein komisches Gefühl. Ich fing an, mein Wissen über Konzentrationslager und mein Gefühl beim Erarbeiten dieses Themas mit der tatsächlichen Situation vor Ort zu vergleichen und es war anders.

Man liest historische Quellen und versucht sich vorzustellen, wie grausam es war, in solch einem Lager zu Leben und zu arbeiten. Doch erst vor Ort wurde mir klar, dass es mehr war als nur schrecklich.

Ich ging durch dieses Tor mit der zentral positionierten Aufschrift ,,Arbeit macht frei'', um zum Appellplatz zu gelangen. Vor mir sah ich einen sehr kahlen und traurig wirkenden Platz. Das kalte graue Wetter unterstützte die dort herrschende Atmosphäre, die ich zu dem Zeitpunkt nicht genau beschreiben konnte. Nach wie vor fühlte es sich komisch an, dort zu stehen. Ich ging mit der Situation, in Gedanken bei den zahlreichen Toten, die dieses Schicksal traf, sehr respektvoll um.

Der Lageraufbau

Das ehemalige KZ wurde nach einem Idealplan errichtet und strategisch genauestens durchdacht. In Form eines gleichschenkligen Dreiecks (oder A - Förmig) wurde es errichtet. Alle Gebäude waren symmetrisch angeordnet, um die totale Kontrolle ermöglichen zu können. Die Baracken waren kreisförmig um den Appellplatz in Richtung Turm A, welcher der Sitz der SS Lagerhaltung war, positioniert. Von dort aus hatte man einen Überblick über das gesamte Lager.

Station Z

Nachdem die Klasse sich einen Überblick über das Lager vom Appellplatz oder Turm A verschaffen hatte, sind wir gemeinsam mit den Lehrerinnen zur so genannten „Station Z" gegangen. Diese befand sich hinter einer Mauer und war somit von den Baracken aus nicht zusehen.

Die Station Z bestand aus einem Erschießungsgraben, einem Krematorium und Gasöfen.

Der Weg dorthin führte an einem sowjetischen Mahnmal im Zentrum des Lagers vorbei.

Als wir am Erschießungsgraben ankamen, fragte ich mich, was den Menschen, die ihre letzten Sekunden ihres Lebens dort verbrachten, durch den Kopf ging. Ich war froh, dass wir uns nicht lange in diesem Graben aufhielten. Die letzten Worte wurden mir geraubt, als ich mir das Krematorium ansah. Noch immer konnte ich mir nicht erklären, was ich fühlte und was mir durch den Kopf ging. Bevor ich die Station Z verließ, stellte ich mich schweigend vor das Denkmal, welches an die Opfer des KZ – Sachsenhausens erinnert.

Die Gruppenarbeit

Jeder hat sich einen guten Überblick über das ehemalige KZ schaffen können. Als nächstes galt es, sich das Leben der Gefangenen im Konzentrationslager genauer anzusehen. Verschiedene Aufgaben konnten in der selbst eingeteilten Gruppe bearbeitet werden:

1. Station Z und die Krankenstation

2. Die Baracken (38), 39

Ich habe mich mit der Baracke 39 beschäftigt. Gänsehaut durchfuhr meinen Körper als ich die Baracke betrat. Sofort spürte ich den Windzug, der die Baracke durchdrang. Direkt vor dem Eingang befanden sich der Wasch- und Toilettenraum und eine Besenkammer. Rechts neben dem Waschraum: die Schlafräume. Insgesamt 250 Häftlinge mussten sich 36 – Dreistockbetten teilen. Privatsphäre hatte dort niemand. Die Toiletten und Schränke waren alle nebeneinander aufgestellt. Schreckliche Zustände für so viele Menschen, die sich eine enge Baracke teilen mussten. Direkt vom Eingang links oder von dem Schlafraum betrachtet auf der anderen Seite der Baracke kam man zu dem Ausstellungsraum. Dort fand man zahlreiche Präsentationen und Informationstafeln, die das Leben im

KZ Sachsenhausen schilderten.

Ich kann anhand der gewonnenen Eindrücke und meinem Wissen schlussfolgern, dass die Lebensbedingungen sehr schlecht waren.

Die Inhaftierten mussten schwere Arbeit leisten und hatten weder Platz,

noch die Möglichkeit, eine Ruhephase zu erhalten.

Um die Baracken und um den Appellplatz herum befand sich eine Laufbahn. Auf ihr mussten Häftlinge Schuhe für das Militär testen. Ihre Aufgabe bestand darin, mit diesen Schuhen auf der Bahn Strecken zu laufen. Ich kann mir vorstellen, dass sie dies nicht nur bei gutem Wetter machen mussten. Da die Baracken nicht sehr dicht sind und man nach so einer Aktivität durchgeschwitzt ist, erkälteten sich die Häftlinge aufgrund des Windzuges. Durch den Platzmangel konnten sich Bakterien schnell unter den Barackenbewohnern verteilen, was zusätzlich noch einmal die schlechten Lebensbedingungen in den Häusern unterstreicht.

Auswertung der Exkursion / Fazit

Letztendlich kann ich sagen, dass sich die Exkursion sehr gelohnt hat. Ich denke, die Klasse konnte sich einen guten Eindruck verschaffen, wie ein KZ aufgebaut war und zusätzlich noch einen anderen Eindruck gewinnen als den, den man im Zusammenhang mit der Literatur vermittelt bekommt (aufnimmt).

Persönlich kann ich sagen, dass ich es sehr wichtig finde, im Rahmen des Unterrichts eine Gedenkstätte dieser Art (ehemaliges KZ) zu besichtigen. Ich konnte mich über das Leben als Häftling in einem Konzentrationslager gut informieren und möchte noch einmal zum Ausdruck bringen, wie sehr sich meine Eindrücke aus historischen Quellen über das Leben in einem Konzentrationslager von dem, was ich in der Gedenkstätte sah und las, unterscheidet und ich noch immer nicht in Worte fassen kann, wie sehr mich dieser Besuch berührt hat.

 

Flüchtlinge

Ich glaube, jeder, der in Deutschland lebt, hat sich schon mal über die Flüchtlingskrise Gedanken gemacht. Ist ja auch verständlich. Immerhin geht es hier um unser Land. Viele sind dagegen, und viele dafür. Das hier ist meine Ansicht:

Die Flüchtlinge haben es verdient, in einem sicheren Land zu leben. Das einzige was sie wollen, ist Ruhe, die sie in ihrer Heimat nie bekommen haben. Egal ob es Wirtschafts- oder Kriegsflüchtlinge sind. Sie alle hatten es im Leben nicht einfach. Sollten sie das nicht irgendwann mal zurückbekommen?

Es ist schwer, das weiß ich. Es wäre viel einfacher, wenn jeder in sein Land gehen würde und unser in Ruhe lassen würde. Aber wie man so schön sagt: Das Leben ist ein Wunschkonzert.

Man sieht diese Zahlen und vergisst ganz, dass jeder von ihnen ein Leben hatte. Vielleicht hatte eines dieser Mädchen Liebeskummer, genauso wie die Mädchen hier in Deutschland auch. Oder vielleicht war einer dieser Jungen kurz vor dem Durchbruch zum Supersportler.

Diese Menschen lassen alles zurück. Sogar ihre Identität. Stellt euch mal vor, ihr würdet in einer einzigen Nacht alles verlieren. Das einzige was ihr mitnehmen könnt, ist vielleicht ein kleiner Rucksack. Und vielleicht verliert ihr sogar jemanden, der euch wichtig war.

Sie haben keine andere Wahl, als zu flüchten. Weil alles besser ist als dieser Ort. Und wenn sie es dann endlich geschafft haben, in Sicherheit zu kommen, kriegen sie gleich Hass zu spüren. Denkt ihr nicht, dass sie vielleicht lieber in ihrem eigenen Bett, in ihrem Haus sein würden, als in einer Turnhalle auf Matten zu schlafen? Aber sie kämpfen weiter. Sie lernen unsere Sprache, probieren selbstständig zu werden. Sie wollen das ganze doch auch nicht.

Sie müssen zusehen, wie die Orte, an denen sie als Kind gespielt haben, zerstört werden. Wie wäre es für euch, wenn ihr flüchtetet und dann in den Nachrichten seht, dass eure alte Grundschule zerbombt wurde. Glaubt mir, ihr wollt es nicht wissen.

Ich finde, diese Menschen sind Kämpfer. Sie verlassen ihre Heimat, ihre Familie und ihr altes Leben. Sie reisen von Land zu Land bis sie irgendwo akzeptiert werden. Sie leben in provisorischen Häusern, immer bangend, das sie vielleicht zurück müssen.

Sie müssen den Hass der Einwohner erleben. Sie tun alles, nur um wieder normal leben zu können. Wieso können wir ihnen das nicht einfach gönnen? Ich verstehe, dass man Angst hat, seinen Arbeitsplatz in ein paar Jahren zu verlieren. Aber das wird man nicht. Es gibt genug Arbeit für alle. Und sie wollen hier ja nicht für immer bleiben. Die Hälfte wird wahrscheinlich wieder zurückreisen, wenn die Krise überstanden ist.

Wenn ich dann solche Kommentare wie: ‚Wo ist das Gas, wenn man es braucht‘ lese, wird mir schlecht. Haben diese Menschen nichts dazu gelernt? Oder, dass man alle Flüchtlinge gleich als Terroristen oder Kriminelle abstempelt – all die Menschen aus Syrien und Irak flüchten vor dem IS und sind nicht der IS! Aber das ist ein anderes Thema.

Und außerdem brauchen wir die jungen Leute. In ca. 50 Jahren wird mehr als die Hälfte der Einwohner in Deutschland nicht mehr arbeiten können. Sie sind dann zu alt. Die Leute aus dem Nahen Osten kriegen deutlich mehr Kinder, als die Menschen hier. Also, wenn man nicht einfach akzeptieren kann, dass die Flüchtlinge Hilfe brauchen und sie die von uns bekommen, dann kann man, so egoistisch es auch klingt, einfach daran denken, dass wir sie brauchen.

Die Flüchtlinge brauchen unsere Hilfe und wir ihre. Also lasst uns teilen, lasst uns tolerant sein.

Assya 7. Klasse imDezember 2015

 

Der Weg für einen neuen Schüler

Hallo, ich bin David B., ich bin neu auf dieser Schule und ich möchte euch erzählen, wie der Weg eines neuen Schülers aussieht. Alles begann, als ich am Montag, den 31.08.15, aufstand, frühstückte und mich um 10:30 auf den Weg zur Einschulung machte. Ich war sehr aufgeregt, weil ich nicht wusste, ob ich nette Mitschüler und gute Lehrer bekommen werde.

Die Schüler aus den älteren Französisch-Klassen haben zwei Sketche auf Französisch vorgetragen, und der Musikleistungskurs sang eine veränderte Version von „Alle meine Entchen“. Ich fand das Anfangsprogramm sehr schön. Nach Abschluss der Rede von Schulleiterin Frau Knobelsdorf stellte sie uns die Klassenlehrer/innen vor und teilte uns auf die Klassen auf. Ich kam in die 7b mit sehr netten Jungen und Mädchen wie z.B. Karl, Georgi und andere aus meiner alten Schule. Das hat mich alles sehr gefreut.

Am Dienstag war der erste Schultag mit unseren Klassenlehrerinnen Frau Ambrosi und Frau Boers. In der ersten Woche haben wir ein Methodentraining gemacht, bei dem wir gelernt haben, wie wir uns richtig für Klassenarbeiten vorbereiten, ein gutes Plakat machen, wie man richtig einen Text markiert und vieles mehr.

Insgesamt hat mir der erste Eindruck sehr gefallen, weil die Schüler und Lehrer sehr nett sind und der Unterricht sehr interessant ist.

Vielen Dank an alle, die meinen Beitrag lesen!

David B.

 

Parallelwelten

Der SK Intergration und die Willkommensklassen gemeinsam auf Exkursion

Ich blinzle träge gegen die Sonne an. Rechts von uns, auf dem Plattenweg, üben einige Schüler Skateboardfahren. Die restliche Gruppe spielt auf der Wiese gemeinsam Fußball. „Eigentlich müsste jeder Schultag so sein.“, sagt Frau Poche. Frau Körting und ich nicken zustimmend.

Heute ist der gemeinsame Projekttag des Seminarkurses Integration und Partnerschaft und der drei neuen Willkommensklassen unserer Schule. Ursprünglich hatte der SK geplant, die Willkommensschüler ein bisschen in der Stadt herumzuführen, aber aufgrund der Größe der Gruppe (um die 50 Schüler) und der unterschiedlichen Interessen, hatte man beschlossen, sich doch erst einmal auf das wesentliche zu beschränken: Das gegenseitige Kennenlernen. Das Miteinander. Denn mal ehrlich – die W-Klassen leben für uns doch in einem Paralleluniversum. Klar, man weiß, dieses Jahr gibt es drei davon, irgendwo in Raum einhundert-was-weiß-ich haben die Unterricht und ab und zu sieht man vielleicht mal ein paar bekopftuchte Mädchen durch die Gänge schlendern aber das war's dann auch schon. Und dann wundert man sich, wenn man mal fragt, ob die Toilette da hinten besetzt ist und seine Antwort auf Englisch oder in Form eines ratlosen Blicks erhält.

Um also der Kommunikation zwischen den W-Schülern und dem Rest der Schülerwelt ein bisschen auf die Sprünge zu helfen, wurde vom Seminarkurs ein internationales Frühstücksbuffet organisiert, und man trifft sich gegen Ende der zweiten Stunde im Kunstraum zum gemeinsamen Brunchen und gegenseitigen Kennenlernen. Neben den Seminarkurslern und der Schülerzeitung sind auch die ehemalige Rathenau-Schülerin Alisha und ihr Freund Chris anwesend, um das Projekt zu unterstützen.

Nach der mehrsprachigen Begrüßung durch den Seminarkurs und einer kurzen Vorstellungsrunde wird das Buffet eröffnet. Hier und da entwickeln sich zwar schon kleine Dialoge zwischen W-Klässlern und Seminarkurslern, aber meist bleibt es noch bei routinierten Fragen und knappen Antworten. Ein richtiges Gespräch will sich nicht einstellen. Besonders verschüchtert wirkt die Koreanerin, die mir gegenüber zwischen zwei Seminarkurslern sitzt, gedankenverloren mit ihrer Handyhülle spielt und nach dem dritten „Und du bist ganz sicher, dass du nichts essen willst?“, den Eindruck erweckt, als würde sie sich am liebsten unter ihrem Tisch verstecken.

Als wir schließlich die Kuchenreste und Sportutensilien zusammenpacken und uns gemeinsam auf den Weg zum Gleisdreieckpark machen, hat sich die Stimmung bereits ein bisschen gelockert und spätestens als alle zum gemeinsamen Fußballspielen auf der großen Wiese zusammenkommen, ist von Gruppenbildung nichts mehr zu sehen. Mädchen und Jungen, zwölf- und Achtzehnjährige von überall auf der Welt hechten gemeinsam über den Rasen und die anfängliche Beklemmung aus dem Kunstraum ist längst verschwunden.

Währenddessen übt Chris mit einer kleinen gemischten Jungsgruppe das Skateboardfahren auf dem Plattenweg. Nach und nach beginnt sich die Gruppe zu zerstreuen, einige ziehen in Richtung Skatepark und Sportplatz weiter und... „Wo ist eigentlich Chris?“ - „Wer?“ - „Na Chris. Der Freund von Alisha.“ - „Hä?“ - „Der Typ im weißen T-Shirt, der vorhin mit euch Skateboard gefahren ist?“ - „Ach, der. Uns hat er sich nur als Skate-God vorgestellt.“

Zum Glück taucht unser göttlicher Begleiter bald wieder auf und bringt noch seinen Skaterfreund Paul mit. Und der ganze Kurs kommt in den Genuss, die unter deren Anleitung stattfindenden Skateboard-Kunststückchen der Draufgängerischeren unter den W-Klassen- und SK-Mitgliedern im Skatepark mitzuverfolgen.

Später, nachdem unsere Jungs von den erfahrenen Skatern und BMXern aus dem Skatepark verdrängt wurden, findet man sich zum Basketballspielen zusammen. Chris bringt allen das Körbewerfen bei, und sämtliche Seminarkursler und Willkommensschüler stellen sich tatsächlich brav in eine Schlange und warten, bis sie mit ihrer Privataudienz an der Reihe sind. Die übrigen Schüler hocken in gutmütiger Schweigsamkeit nebeneinander auf den Bänken, essen Kuchen, hängen an ihren Handys oder beobachten das Geschehen. Hin und wieder fährt hinter dem Sportplatz ein Zug vorbei. Ich blinzle träge in die noch ein letztes Mal zwischen den Wolken hervorkommende Sonne. „Eigentlich müsste jeder Schultag so sein.“ echot Frau Körting. Frau Poche und ich nicken zustimmend.

Vielen Dank an den SK Integration, an die Willkommensklassen und an Frau Körting und Frau Poche für diesen wunderschönen Tag, der uns allen noch lange in Erinnerung bleiben wird und der wieder einmal deutlich macht, wie einfach, wie selbstverständlich Integration sein kann, wenn man die (zwischenmenschlichen) Grenzen überwindet.

Text: Lisa Starogardzki, 3. Semester, September 2015

Fotos: Jan Hilgendorf, 3. Semester, September 2015

 

 

Reisebericht: Rom

Rom ist anders. Das muss hier einfach mal gesagt werden. Aller Großstadt-Globalisierungs-Vereinheitlichung zum Trotz bewahrt sich diese Stadt ihr ganz eigenes Gefühl, dass in jeder Gasse zu spüren ist: Eine Mischung aus Hitze, Beige- und Orangetönen, engen Straßen mit sich darüber neigenden Häusern, pseudo-intellektuellen Touristengruppen und Trinkwasserbrunnen an jeder Ecke. Eindrücke, die sich, ähnlich wie Kindergeschrei und Wasserplatschen im Schwimmbad augenblicklich mit einem Gefühl, einem Gesamtbild, eben mit Rom verbinden.

Wir erreichen die Stadt gegen 11:30 Uhr, das mediterrane Klima schlägt uns beim Verlassen des Flughafengebäudes entgegen und einige seltsam gedrungene Büsche bezeugen, dass wir uns tatsächlich nicht mehr in Deutschland befinden. Ansonsten ist von dem Zauber Roms allerdings noch nicht sehr viel zu spüren. Vor uns liegen ein zubetonierter Busbahnhof mit Ausblick auf ein von oben bis unten verglastes Hotel und gute eineinhalb Stunden Wartezeit. Im Shuttlebus zum römischen Hauptbahnhof, der Statione Termini können wir dann endlich einen ersten Blick auf die Ausläufer Roms werfen, auf gewundene Straßen und sandsteinerne Anwesen inmitten von dicken, dunkelgrün beblätterten Bäumen, wie Illustrationen auf nostalgischen Papierservietten.

In nächster Nähe zum Hauptbahnhof befindet sich auch unser Hotel, deren Fenster Ausblick auf die etwas heruntergekommenen, aber immernoch schönen Fassaden unserer Nachbarhäuser bieten. Die Straßen um das Hotel herum sind immer gut bevölkert, Stimmengewirr und Musik klingen auch nachts bis zu den Zimmern im dritten Stock herauf, eine gedämpfte Erinnerung an die Geschäftigkeit auf den Straßen. Unsere siebentägige Sightseeingtour beginnt noch am Anreisetag mit einem nachmittäglichen Spaziergang durch Rom: Eine ausladende Runde, die uns einen Überblick über diverse Straßen, Plätze und Gebäude verschafft. Im Pantheon, dass wie scheinbar fast jedes Gebäude in Rom zunächst Tempel und später Katholische Kirche war, bestaunen wir die gigantische Kuppel, durch deren runde Öffnung ein Streif Sonnenlicht auf die sich am Boden zusammendrängenden Touristen fällt und die zahlreichen Grabmäler. Auch den Trevibrunnen, Roms wohl bekanntesten Brunnen, bekommen wir zu Gesicht – mehr oder weniger, denn die riesige Anlage ist aufgrund von Sanierungsarbeiten bereits seit mehreren Jahren von Gerüsten umstellt und hinter einer riesigen Plane versteckt. Nichtsdestotrotz drängen sich Touristenströme vor dem provisorisch aufgebauten Steg über das trockengelegte Brunnenbecken zusammen, um einen Blick auf die antiken Skulpturen zu erhaschen oder eine Münze zu werfen. Das lassen wir lieber bleiben, und machen uns mit einem Eis in der Hand auf den Weg zur Spanischen Treppe, einer riesigen Freitreppe, die von der Piazza di Spagna hinauf zur Kirche Santa trinità die Monti führt. Dort auf den Stufen hocken gestrandete Touristen, Straßenhändler und das Jungvolk Roms erschöpft in der Nachmittagssonne und lassen es sich gut gehen. Auch wir beenden hier unser Programm und streifen in Kleingruppen ziellos durch die umliegenden Einkaufsstraßen, während wir uns langsam mit dieser Stadt vertraut machen, die für die nächsten sechs Tage unser Zuhause sein wird, mit dieser seltsamen Mischung aus Moderne und Antike, bei der man sich nie sicher sein kann, ob zwischen H&M und Desigual an der nächsten Ecke nicht vielleicht schon wieder ein marmorner Tempel aus dem Boden wächst.

Die folgenden Tage gleichen einem Bildungsmarathon: Wir marschieren durch die überfüllten Straßen, immer auf dem Weg zu irgendeiner Sehenswürdigkeit, immer noch in Gedanken mit der vorangegangenen Attraktion beschäftigt. Wir bewundern die Unmengen von Bildern, Statuen, Landkarten und Wandmalereien in den Vatikanischen Museen, einem riesigen Gebäudekomplex in der Vatikansstadt, der die Kunstsammlungen diverser Päpste enthält. Gekrönt wird der Museumsrundgang von der Sixtinischen Kapelle mit ihren wunderschönen Decken- und Wandmalereien, darunter auch Michelangelos berühmtes Gemälde von der Erschaffung Adams. Ein wirklich beeindruckender Anblick, für den sich das dreistündige Anstehen und die ganze Drängelei dann irgendwie doch gelohnt haben. Der Petersdom, den wir am späten Nachmittag desselben Tages besuchen, ist als das absolute Maximum von kirchlichem Prunk nicht minder beeindruckend. Goldverzierte Ornamente, Statuen und Gemälde scheinen sich alle gegenseitig die Show stehlen zu wollen, und als verlorener Tourist unter den hohen Decken und Kuppeln kommt es einem fast unfair vor, nicht jedem makellos ausgearbeiteten Detail dieselbe Aufmerksamkeit schenken zu können.

Von den Kapitolinischen Museen aus werfen wir zum ersten Mal einen Blick auf das Forum Romanum, und sind alle in den Bann gezogen von diesem Zusammenspiel aus mehr oder weniger verfallenen Ruinen, baumbewachsen und von sandigen Wegen umschlungen. Das antike Zentrum Roms erinnert an eine verwunschene Stadt, die noch darauf wartet, aus ihrem tausendjährigen Schlaf zu erwachen. Minutenlang stehen wir schweigend auf der Terrasse des Museums und betrachten die Aussicht. Hin und wieder flüstert jemand ein andächtiges „Das ist wunderschön.“, dass an niemanden bestimmtes gerichtet ist. Das ist der vollkommene Moment, der Moment, in dem wir alle zur Ruhe kommen, vielleicht der Moment, in dem Rom uns schließlich wirklich für sich gewonnen hat, in dem wir alle diese Stadt lieben, leben und atmen. Ein kurzer Augenblick antiken Zaubers, der genauso schnell wieder verfliegt und in ein gedämpftes Murren über schmerzende Füße und unerträgliche Hitze übergeht.

Nach all dem Prunk in den Kirchen und Tempeln der letzten Tage erscheint das Kolosseum fast schon bescheiden. Es stehen nur noch die Wände aus bloßem Ziegelstein, von den Sitzreihen ist nichts mehr zu sehen und auch die Arena in der Mitte ist verschwunden, stattdessen blickt man von den höhergelegenen Rundgängen aus direkt in die darunterliegenden Kellerräume. Von der einstigen Imposanz des Gebäudes ist kaum etwas geblieben, die schillernden Erzählungen von nachgestellten Seeschlachten und riesigen Menschenmengen sind in dieser staubigen, verfallenen Ruine kaum mehr vorstellbar. Das Kolosseum ist ein trauriger Koloss, ein gigantischer, von Wind und Wetter abgeschliffener Haufen Stein, wie ein zum schlafen zusammengerolltes Urtier im Herzen Roms.

Wir wandern durch Ostia antica, die Stadtruine einer ehemaligen Kolonie Roms, und stellen uns vor, in der Antike zu leben. Wir gehen über das antike Pflaster, bewundern die Mosaike am Boden der Therme, betrachten und befühlen antike Gefäße und Mühlsteine. Dabei fachsimpeln wir über die Möglichkeiten von virtual reality - Wäre es nicht cool, wenn man sich beim Spazieren durch die Ruinen anschauen könnte, wie es in der Antike dort aussah? - und philosophieren über die Notwendigkeit von Handys und den Fluch der modernen Welt. Vielleicht sollten wir einfach hierbleiben, inmitten der Überreste einer vergangenen Hochkultur, und eine Sekte gründen, in der alle nur Toga tragen und abgeschnitten von der Außenwelt nach den Regeln und Möglichkeiten der Antike leben. Oder wir sollten uns beeilen, damit wir noch rechtzeitig zum Strand kommen, bevor es zum Forum Romanum geht.

Das Forum Romanum erreichen wir mit Sonnenbrand. Vielleicht war das mit dem Strand doch keine so gute Idee, auch wenn das erfrischende Meerwasser uns allen gut getan hat. Staunend gehen wir zwischen den antiken Mauern und verfallenen Palästen umher. Allerdings bleibt die Aussicht aus dem Kapitolinischen Museum unübertroffen. Das Forum Romanum scheint seine Schönheit nur als Gesamtbild ganz zu entfalten und ist inmitten der Trümmer schwer zu überblicken.

Auch das Goethehaus wird besichtigt, immerhin sind wir ja ein Deutsch-Zusatzkurs, und da Italien eine der hauptsächlichen Inspirationsquellen des Schriftstellers und Dichters war, darf sein damaliges Wohnhaus in unserer Sehenswürdigkeitenliste natürlich nicht fehlen. Von Goethe selbst ist allerdings kaum mehr etwas zu spüren. An Möbeln und persönlich Gegenständen ist so gut wie Nichts erhalten, stattdessen betrachten wir seine Zeichnungen, Portraits und populäre Bilder seiner Zeit an den weiß getünchten Wänden des Goethemuseums und lauschen gespannt den Geschichten über Liebschaften und Ärgernisse, die sich hier abgespielt haben sollen. Authentischer erscheint da schon der Protestantische Friedhof Roms, auf dem auch Goethes Sohn begraben liegt. Tatsächlich unter diesem Namen übrigens, Goethes Sohn. Wir sind empört. Dass dieser Mann, der scheinbar ohnehin sein ganzes Leben lang nicht aus dem Schatten seines Vaters herauszutreten vermochte, nicht einmal unter seinem eigenen Namen begraben wurde, ist uns unbegreiflich.

Am vorletzten Tag der Romreise steht die Besichtigung der Villa Hadriana und der Villa d'Este an. Die Villa Hadriana, ein gigantisches Areal, dass einst einem römischen Kaiser als Sommerresidenz diente, ist nur als Modell zu überblicken. Dort reihen sich Paläste, Thermen, Gärten und Theater aneinander wie in einer kleinen Paradieswelt. Auch in der Realität sind die rekonstruierten Wasserbecken, Säulengänge und Spazierwege paradiesisch, auch wenn wir uns vor allem von den putzigen Schildkröten beeindrucken lassen. In der gleißenden Mittagssonne breitet sich vor uns ein teils akkurat angelegter, teils verwilderter Garten aus, in dem an jeder Ecke gespenstisch große Fragmente antiker Bauwerke zum Vorschein kommen. Über allem liegt eine andächtige Stille, nur selten kommt man an anderen Touristengruppen vorbei. In einem kleinen Wäldchen, dass etwas abseits liegt, trifft schließlich ein Großteil unserer Gruppe zum Picknick zusammen. In dieser zauberhaften Umgebung erscheint unser kleines Lager seltsam unbedeutend, und wir rücken zusammen, lachen, hören leise Musik und unterhalten uns über Sport und Schule – eine Parallelwelt zu dieser allumfassenden Präsenz der Antike.

Trotz des unglaublich heißen Wetters wagt sich ein Teil der Gruppe gemeinsam mit Frau Knobelsdorf in einem klapprigen italienischen Bus noch weiter zur Villa D'Este vor – und wird reich belohnt. Die Villa zeichnet sich vor allem durch ihre riesigen Gärten und Springbrunnen aus, die Luft ist hier kühler und weniger trocken und vor uns liegt eine akkurat angelegte und gut erhaltene Parkanlage auf mehreren Terrassen, wie ein antikes Sanssouci. „Nur die Harten komm' in Garten“, sagt Frau Knobelsdorf, und erschafft damit unwissentlich den Leitsatz der Reise. Wir flanieren auf Steinwegen durch die begrünten Brunnengruppen, begleitet von dem Plätschern des Wassers, wir bewundern die antiken Skulpturen und verlieren uns in der Ruhe der kleinen Nischen und Ecken des Geländes. Große Bogenfenster in der Begrenzungsmauer bieten eine fantastische Aussicht auf das tiefer gelegene Umland, auf Wiesen und Mohnblumen unter einem sommerblauen Himmel.

Am letzten Tag sind wir zwiegespalten: Einerseits sind wir vollends erschöpft von den Märschen der vergangenen Tage, andererseits möchte niemand die Stadt so wirklich gehen lassen. Wir laufen ein letztes Mal durch die Straßen Roms, vorbei an all den Orten, an die wir uns in unserer abendlichen Freizeit schon so gewöhnt haben: Unser kleines Stammlokal schräg gegenüber vom Hotel, die Schmuckstände an der Statione Termini, die ausgetretenen Stufen der spanischen Treppe und die beste Pizzeria der Welt, in einer Nebenstraße der Via del Corso in der Nähe des Trevibrunnens. Schließlich ist es soweit, wir verlassen Rom mit dem Shuttlebus und betreten das kulturneutrale, globalisierte Innere des Flughafengebäudes mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wir werden Rom vermissen, so viel steht fest.

Ein herzlicher Dank gebührt Frau Knobelsdof und Frau Dr. Vorwald für diese wunderschöne Fahrt, dafür, dass sie für uns die Touristenführer gespielt haben, unser ständiges Zuspätkommen ertrugen und diese Woche zu einem unvergleichlichen Erlebnis gemacht haben.

Lisa Starogardzki, 2. Semester, Juni 2015

 

Abiturverleihung 2015

Es ist heiß. Verdammt heiß. Die Aula hat sich in einen mit abgestandener Luft gefüllten Backofen verwandelt, in dem sich schweißgebadete Lehrer, Schüler und Eltern in einem gleichbleibenden Takt mit Händen, Zetteln, Fächern oder Handys Luft zu fächeln, halb apathisch in ihren Stühlen lehnen oder sich nervös und hoffnungsvoll einen Luftzug erwartend an den Wänden herumdrücken.

Das ist also der große Tag für den Abiturjahrgang 2015. Und er beginnt mit Musik, genauer gesagt mit Feeling good, aufgeführt von Herrn Zinglers Musik-LK aus dem zweiten Semester und mit dem Irish Blessing des Lehrerchors. Darauf folgen die Reden des Schulleiterteams, wobei Frau Knobelsdorf ihr Bedauern darüber ausdrückt, dass die Abiverleihung aus technischen Gründen leider nicht auf den Hof verlegt werden konnte. Wie auf Stichwort verlassen die ersten Musikanten verstohlen die Aula. Der Rest schwitzt pflichtbewusst weiter, während Frau Körtings Rede über die Entwicklung der Schule und das Ende des Paukers, während Simons Schülerrede, während den von Musti übermittelten Grüßen von Herrn Herbst und der Rede eines ehemaligen Schülers und Stiftungsmitglieds, der ebenfalls von Veränderung und Entwicklung spricht. Mehr und mehr geht in dem anschwellenden Gemurmel der Abiturienten unter, die neben mir an der Aulawand lehnen, das Gejohle und Geklatsche, mit dem die einzelnen Redner begrüßt und verabschiedet werden, wird immer lauter und irgendwo in den vorderen Reihen klingelt ein Handy.

Es werden noch Preise für besondere Leistungen in den verschiedenen Fachbereichen verliehen, dann geht es endlich an die Abiturzeugnisse. Gerührte Eltern recken Smartphones in die Luft, um ihre Kinder auf der Bühne zu filmen, wie sie dort in ihren Tutorengruppen Sonnenblumen und Zeugnisse erhalten. Die verbliebenen Zweitsemester wechseln hysterische Blicke. Nächstes Jahr sind wir das.

Begleitet werden die Gruppen von selbst ausgewählten Musikstücken, gegen die die jeweiligen Tutoren anbrüllen müssen, um die einzelnen Schüler auszurufen. Dem Gegacker aus dem Zuschauerraum nach zu urteilen, schneiden die Informatikkursler mit Atemlos durch die Nacht dabei am besten ab, nur Herr Schaeper wirkt nicht eben begeistert von der Art der musikalischen Untermalung. „Da hätte ich aber was besseres erwartet“, murmelt er augenzwinkernd, als er an mir vorbei auf die Bühne zugeht.

Schließlich geht die Verleihung in einen Sektempfang vor der Aula über, von dem wir Zweitsemester uns lieber schnell verabschieden. Diskretion muss schließlich gewahrt bleiben. Und außerdem haben wir noch einen uuunheimlich dringenden Termin auf dem Deutsch-Französischen Volksfest.

Lisa Starogardzki, 2. Semester, Juni 2015

 

Irreversibel -
Eine außergewöhnliche Aufführung

Darstellendes Spiel vor und hinter der Bühne

Am 18. Juni 2015 fand die Aufführung des DS-Kurses von Frau Lettl statt, die erste DS-Aufführung in unserem Jahrgang. Gegeben wurde ein Stück mit dem mehrdeutigen Titel Irreversibel, der bereits auf das Zentrale Motiv des Stücks hinweist: Dieses wurde nämlich auf der Grundlage von Dürrenmatts Physikern von den Schülern selbst entwickelt.

Ach was war die Aufregung groß! Bis zur letzten Minute vor der Aufführung, auf die wir so lang hingearbeitet hatten, wurden Kostüme zurecht gerückt und das Make-up aufgebessert. Ich, Dalina Mundinac alias Oberschwester Martha, oder auch die, die sich gern mit der Polizei anlegt, habe gezittert wie verrückt hinter der Bühne. Würde ich wie bei der Generalprobe zum falschen Moment auf die Bühne rennen? Oder meinen Einsatz verpassen? Oder gar meinen Text?! Die Nervosität pulsierte bei jeder Sekunde, die hinter der Bühne verstrich. Um dagegen anzuwirken, kamen die kuriosesten Mittel zum Einsatz. So wurden hinter der Bühne Kniebeugen gemacht und es wurde sich über den neuesten Klatsch und Tratsch ausgetauscht. Das hatte einen positiven Nebeneffekt. Abgesehen von der Ablenkung mussten wir auch lachen und das entspannte uns doch ziemlich.

Das Publikum war unruhig. Ein andauerndes Gemurmel lag über der Menge und die ersten Szenen wurden von leisem Gelächter begleitet. „Das kann ja wohl nicht wahr sein!“, schnauzte Frau Hofmann schließlich in Richtung der glucksenden Reihen. Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Wenige Minuten später senkte sich allerdings ohnehin ein tiefes Schweigen über den Zuschauerraum: Alle waren viel zu sehr von diesem Stück gefangen genommen, das sich da vor ihren Augen abzuspielen begann.

Als wir auf die Bühne kamen, war es, als würden wir das schon seit Jahrzehnten machen. Das und nichts anderes. Jeder stand richtig, jeder konnte seinen Text, niemand verpasste seinen Einsatz. Um ehrlich zu sein, hatten wir doch alle etwas Zweifel gehabt. Auch wenn Frau Lettl, für die man einen ganzen Artikel voll Lobhüddelei schreiben müsste, um ihrer fantastischen Arbeit gerecht zu werden, uns immer wieder beruhigte und uns versicherte, dass wir großartig waren, nagte der fiese Zweifel an uns und lies uns nervös werden.

Vom Zuschauerraum aus ist von Nervosität nichts zu merken. Das Stück nimmt seinen Anfang mit einem Polizeiverhör: Offensichtlich hat ein Wahnsinniger seine Krankenschwester in der Anstalt umgebracht. Deren Leiche liegt als ein weißer Kreideumriss auf einer lebensgroßen Plexiglaswand auf dem Bühnenfußboden, darüber gebeugt ein nachdenklicher Arzt, im Vordergrund zwei sich mit Unbehagen umsehende Polizisten und eine aufgedreht-arrogante Oberschwester mit Namen Martha. Diese hat von Anfang an dank ihrer frechen und ironischen Art die Lacher und die Bewunderung der Figuren und Zuschauer gleichermaßen auf ihrer Seite.

Nach und nach begegnen uns all die Namen und Figuren, die zumindest mir noch von Chantals Buchvorstellung aus diesem Fack ju Goethe – Video in Erinnerung geblieben sind. Doktor Möbius, die Hauptfigur des Stücks, lebt als Wahnsinniger in einer Psychiatrie – pardon, einem Irrenhaus. Dort betreibt er auf seinem Zimmer physikalische Forschungen, ist jedoch überzeugt, dass ihm diese ausgerechnet vom König Salomon diktiert werden, der ihm als Vision erscheint. Möbius scheint dauernd erbost zu sein, ganz besonders als er auf seine Familie und den neuen Mann seiner Exfrau, einen mit affektiertem Akzent sprechenden Amerikaner (und ebenfalls Publikumsliebling), trifft: Er tobt, schreit, lacht wie von Sinnen. Ein Wahnsinniger wie aus dem Bilderbuch, dessen Entrücktheit in fast schon beängstigender Weise auf der Bühne präsent wird. Seine beiden Zimmernachbarn sind ebenfalls Physiker, die sich allerdings selbst für Newton und Einstein halten. Dementsprechend sind auch ihre „Zimmertüren“ beschriftet, die drei rechteckigen Stellwände im hinteren Teil der ansonsten leeren Bühne, die ein stilisiertes Abbild des Irrenhauses sind.

Die Krankenschwester vom Beginn des Stücks wurde von Einstein ermordet, erfahren wir, und ebenso, dass auch Newton vor nicht allzu langer Zeit seine Krankenschwester tötete. Kurz darauf bringt schließlich auch Möbius seine Krankenschwester und Geliebte in einer herrlich symbolischen Szene, in der die Beiden nur als Schattenrisse hinter einem weißen Laken zu sehen sind, um.

Erneut erscheint die Polizei, diesmal im direkten Gespräch mit der Hausleiterin. Witzigerweise werden hier plötzlich die Rollen vertauscht: Während die frustrierte Hausvorsteherin inzwischen den drei Wahnsinnigen Schuld an den Morden gibt, haben die beiden Polizisten deren früheres Beharren auf die Unschuld der Kranken bereits so verinnerlicht, dass sie es sich nicht nehmen lassen, sie jedes mal mit süffisantem Grinsen zu korrigieren, wenn sie „Mord“ anstelle von „Unglücksfall“ sagt. Während des ganzen Stücks wird die Hausleiterin außerdem von einer Art personifiziertem Wahnsinn begleitet, einer Zwangsjacke tragenden Irren, die stets mit entrückter Stimme Echos produziert. Sie ist Sinnbild für die Situation im Irrenhaus, für das Zusammenbrechen der Werte, die Unsicherheit, das Lauern des Wahnsinns.

Bei einem scheinbar zufälligen Zusammentreffen der drei Physiker kommen schließlich auch die Gründe für die Morde ans Licht. Jeder der Physiker hütet ein Geheimnis, dem die aufdringlichen Krankenschwestern auf die Schliche zu kommen drohten: In Wahrheit ist keiner von ihnen verrückt. Möbius versucht unter dem Deckmantel des Wahnsinns lediglich, seine Forschungen vor der Menschheit geheim zu halten, um diese so vor dem Untergang zu bewahren. Einstein und Newton hingegen, so stellt sich heraus, sind Mitarbeiter zweier konkurrierender Geheimdienste, beide im Versuch, an Möbius' wissenschaftliche Schriften zu gelangen. Doch wo hört Wahnsinn auf, wo fängt er an? Ist ein Mörder nicht immer ein Wahnsinniger? Irgendwo zwischen diesen verwischenden Grenzen verlieren sich auch unsere drei Hauptfiguren, zwischen Vernunft und Wahnsinn, Spiel und Realität, Rationalität und Gefühl.

Die Schlussszene setzt dieser Kontroverse schließlich die Krone auf, als die Hausleiterin zu den Physikern tritt und gesteht, selbst Abschriften von den Werken des Möbius angefertigt zu haben. Nicht die Physiker sind verrückt, so stellt sich heraus, sondern die Leiterin des Irrenhauses. Damit wird das allgegenwärtige Motiv des Rollentauschs weiter fortgeführt. Das Höchstmaß an Irrsinn ist erreicht, als sich die beeindruckende Persönlichkeit der Hausleitung schließlich zu der noch viel eindrucksvolleren Gestalt des haltlosen Wahnsinns wandelt. Das Ende der Menschheit scheint besiegelt zu sein.

Letztendlich war das Stück ein voller Erfolg. Wir gingen aus uns heraus und verkörperten mit Leib und Seele unsere fiktiven Charaktere. Das war ein purer Moment voll Erfüllung auf der Bühne.

Ich möchte mich im Namen aller Beteiligten herzlich bedanken, bei Frau Lettl für die ganze Geduld und harte Arbeit, die sie in dieses Stück hineingesteckt hat und bei all denen, die zu unserer Aufführung gekommen sind.

Auch für den Zuschauer war dieses völlige Aufgehen in der Rolle zweifellos spürbar. Irreversibel ist ein einzigartiges Stück, dass in seiner Durchführung deutlich über das übliche Niveau einer Schulaufführung erhaben ist. Ein Stück, bei dem tatsächlich alles gepasst hat, bei dem niemand plötzlich kichernd aus seiner Rolle fiel oder seinen Text nur mürrisch vor sich hin brubbelte. Der ganze Kurs schien eine sehr stimmige Truppe zu sein, in der jeder seinen Platz hat und jedes Zahnrädchen exakt in das nächste griff. Unheimlich. Unheimlich gut.

Kleine Nebeninfo: Wir führen unser Stück noch einmal für die Mittelstufe auf. Also falls ihr es noch nicht gesehen habt, oder es noch ein zweites Mal sehen möchtet, sprecht mit euren zuständigen Lehrern und kommt vorbei.

Von Dalina Mundinac und Lisa Starogardzki, 2. Semester, Juni 2015

 

Queer - Liebe hat viele Gesichter

Ein Workshop zum Thema sexuelle Vielfalt

Trotz ausgehängter Plakate und Mundpropaganda durch die Eingeweihten hatte, wer sich am 20. Mai zum ersten Treffen in Raum 105 zusammenfand, aller Wahrscheinlichkeit nach von Frau Purrmann oder Frau Fey, also den Veranstaltern höchstselbst, von deren Workshop Queer - Liebe hat viele Gesichter erfahren. Schüler sind in ihrem natürlichen Lebensraum erstaunlich merkbefreit, was interessante Gelegenheiten angeht, ich ebenso. Ein ungeklärtes Phänomen.

Nach und nach wächst das kleine Grüppchen, das schweigsam und ein bisschen erschöpft vom Schulalltag Tische beiseiteschiebt und Stühle zu einem Stuhlkreis zusammenstellt. Wir kennen einander kaum, 15 Oberstufenschüler, Zehnt- und Neuntklässler, von denen jeder zunächst im Kreise seiner zwei oder drei mit angeschleppten Freunde verbleibt. Die obligatorischen Kreppband-Namensschilder wollen einfach nicht kleben bleiben, dafür gibt es aber Kekse für alle und wir lächeln einander verstohlen von den gegenüberliegenden Seiten des Stuhlkreises zu, verwundert darüber, dass wir all diesen Leuten scheinbar noch nie irgendwo im Schulhaus begegnet sind.

Der Workshop beginnt mit einer Runde Begriffserklärung, denn mal ehrlich, schwul und lesbisch sind zwar klar, aber was zur Hölle bedeutet eigentlich cissexuell, wo liegt der Unterschied zwischen sex und gender (Gibt es überhaupt einen?) und meinen transsexuell und transgender eigentlich dasselbe? Wir versuchen, die Begriffskärtchen auf dem Boden richtig zu gruppieren. Hin und wieder sagt jemand etwas oder steht auf, um einen Begriff neu zuzuordnen, dazwischen liegen langgezogene Momente unsicheren Schweigens. Ganz so schnell wollen wir uns dann doch nicht aneinander gewöhnen. Erst kurz vor der Pause tauen wir, belustigt über unsere eigene Unwissenheit, ein wenig auf und bekommen nach langem Herumrätseln auch endlich die Antwort auf unsere Fragen: Als cissexuell bezeichnet man eine Person, bei der biologisches und psychisches Geschlecht, und bedingt auch das Verständnis der sozialen Rolle des eigenen Geschlechts, miteinander übereinstimmen. Sex bezeichnet im Englischen das biologische Geschlecht, während gender für die diesem Geschlecht zugeordneten Normen und typischen Verhaltensweisen sowie für das psychische Zugehörigkeitsgefühl zu einem Geschlecht steht. Demzufolge bezeichnet Transsexualität also einen Unterschied zwischen biologischem und „gefühltem“ Geschlecht, während Transgender für das Abweichen von den Rollenbildern eines Geschlechts steht. Ganz schön viel sprachliches Durcheinander, finden wir, und gönnen uns erstmal eine kleine Pause.

Später teilen wir uns in zwei Gruppen auf und beschäftigen uns mit den verschiedenen Aspekten der gesellschaftlichen Akzeptanz: Wie also reagiert die Gesellschaft auf die Abweichung von der Heteronormativität (also dem als-selbstverständlich-Ansehen der Heterosexualität)? Uns fällt auf, dass in der Werbung immer nur heterosexuelle Paare und klassische Familienbilder zu sehen sind, während das Thematisieren aller übrigen sexuellen Orientierungen gleich mit Sensationsvermarktung und Hypes in Zusammenhang gerät. Wo bleibt die Toleranz, wenn alle ein homosexuelles Pärchen auf der Straße begaffen? Ein weiterer, über den ganzen Nachmittag hinweg heiß diskutierter Punkt sind Mitschüleraussagen bezüglich des Workshops, die ein wir leben doch schon in einer toleranten Gesellschaft zum Inhalt haben. Das finden wir nämlich absolut nicht, ganz im Gegenteil, es muss dringend etwas getan werden gegen Scheintoleranz, faule Ausreden und das Festhalten an Stereotypen – nur leider ist der Nachmittag zu Ende, noch ehe wir richtig in Fahrt kommen können.

Der nächste Tag bringt Aktivität: Man kennt sich, man grüßt sich, man steckt tuschelnd die Köpfe zusammen. So schnell kann das gehen. Wir sind unruhig, voller Tatendrang: „Ist doch Käse, dass keine Homophoben hier sind, so kann man gar nicht richtig diskutieren!“. Ja, wir sind ein bisschen streitlustig heute, und wir wollen uns auch nicht so ganz mit dem begnügen, was man uns anbietet.

Wieder ist eine Gruppenarbeit zu verschiedenen Themen geplant: Outing, Einschreiten bei homophoben Äußerungen im Alltag, Aufklärungsmöglichkeiten in der Schule und so weiter. Diese Themen gehören aber alle zusammen, finden wir, und außerdem interessieren wir uns für alles. Deshalb schieben wir unsere Tische kurzerhand zu zwei großen Gruppen zusammen, stapeln alles Material in der Mitte und fangen an zu diskutieren. Keksteller und Obststückchen wechseln die Besitzer.

Auf Beleidigungen, die keine sind, einfach mit Dank reagieren, homophobe Klischees offen in Frage stellen, Aufklärung in der Schule betreiben, wo die Eltern versagen. Nur so können wir eine tolerante Gesellschaft schaffen. Und auch die Gegner der Thematisierung von sexueller Vielfalt im Lehrplan bekommen ihre wohlverdiente Abreibung „Das ist so hohl, da kann man einfach nichts zu sagen.“, ist das einzige, was uns zu der Aussage Ich habe Angst, dass mein Kind schwul wird, wenn es in der Schule über alle sexuellen Orientierungen aufgeklärt wird, einfällt. Überhaupt kommt Sexualkunde im Unterricht zu kurz, fällt uns auf.

Als wir am Schluss alle zusammenkommen – obwohl wir bereits lautstark kundgetan hatten, dass wir gerne noch länger geblieben wären – sind wir geradezu aufgeladen mit Ideen: Wir wollen uns mit zwei Tagen einfach nicht zufrieden geben. Wir wollen uns regelmäßig treffen. Eine offene Diskussionsrunde gründen. Einen Seminarkurs sexuelle Vielfalt ins Leben rufen. Einen Projekttag oder warum nicht gleich eine ganze Projektwoche zum Thema Toleranz organisierenes genügt uns nicht, immer nur die Vergangenheit von allen Enden aufzudröseln, wir wollen uns mit der Welt befassen, in der wir jetzt leben, mit aktuellen Problemen, und wir wollen etwas verändern!

Wenn sich also demnächst etwas an unserer Schule tut, dann waren wir das.

Einen herzlichen Dank an Frau Purrmann und Frau Fey für diesen Workshop, für die Inspiration, die Diskussion, für das ins-Rollen-bringen unserer Ideen, für das Aufbringen von Zeit und Engagement und dafür, dass sie vielleicht etwas viel Größeres haben entstehen lassen, als wir uns alle erträumt hatten.

Lisa Starogardzki, Mai 2015

 

Ich möchte bitte Deutsch lernen.“

Ein Seminarkurs zu Besuch in der Volkshochschule

Nein, ich gehöre nicht zu diesem Kurs. Es braucht einige Augenblicke, bis die löblichen Mitglieder des Seminarkurses Integration und Partnerschaft, denen weder durch plötzlich auftauchende Arzttermine noch durch unverschiebbare Fahrstunden die Teilnahme an der Exkursion in die Volkshochschule verwehrt wurde, es bemerken. Unverständnis wird laut. Wer macht schon freiwillig eine Exkursion mit? Na, ich. Und außerdem bin ich ja im Dienste des Journalismus hier. Oder so ähnlich.

Wir landen in einem kleinen Raum am Ende des Flurs – in der Volkshochschule in Berlin-Mitte – wo man sich der ahnungslosen und kursfremden Shyftlerin erbarmt und ihr erklärt, was nun heute eigentlich auf dem Programm steht. Herr Sowieso*, scheinbar der Kopf der Abteilung, gibt einen Überblick: Wir werden uns heute mit den Deutsch- und Integrationskursen der Berliner Volkshochschule befassen. Es wird mehrere Gruppen geben, die abwechselnd bei der Beratungsstelle, dort, wo auch die Sprachtests zur Einstufung durchgeführt werden, und in den verschiedenen Deutschkursen hospitieren.

Diese Kurse, erklärt er weiter, werden aus verschiedensten Gründen besucht: Basiswissen ist für die Einbürgerung Pflicht, auch das Jobcenter finanziert häufig Sprachkurse und nicht wenige kommen freiwillig her, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Gegliedert sind die Kurse in die Module A 1.1 bis C 2, wobei der Bereich A die Grundlagen der deutschen Sprache beinhaltet. Bereich B – das Ziel der herkömmlichen Deutschkurse – ist die Grundvoraussetzung für die meisten Berufe und C ermöglicht das Studieren und Ausüben höherer Berufe. „Das ist dann schon richtig schwer“, stellt Herr Sowieso klar, „So ein Deutsch sprechen nicht mal 20% von denen, die da draußen so auf der Straße herumlaufen.“

Im Deutschkurs A 1.1 geht es schweigsam zu. Die Schüler – ein bunt gemischter Haufen aller Nationalitäten und Altersgruppen – schauen betreten in ihre Hefte. Wie sollte es auch anders sein, schließlich steht jeder hier mit seiner Landessprache alleine da: Der einzige gemeinsame Nenner ist Deutsch, und der ist in „unserem“ Kurs noch ziemlich klein. Die Deutschlehrerin spielt ein Hörbeispiel ab und die Schüler setzen in träger Routine Kreuzchen in ihren Heften. Irgendwie klingt die Tonbandstimme falsch, überbetont, fast wie die Haltestellenansage in der S-Bahn. Wir stoßen uns gegenseitig an, kichern hinter vorgehaltener Hand fragen uns insgeheim, ob sich die Höraufgaben in unserem Englischunterricht wohl ähnlich kurios anhören. Währenddessen versucht sich die Deutschlehrerin vor der Tafel in einer pantomimischen Darstellung – in den Augen der Schüler spiegelt sich Ratlosigkeit. Nur das Mädchen im rosafarbenen Pullover ganz hinten rechts versteht. Sie ist schon weiter als die Anderen, und sie nascht im Unterricht aus einer Tüte mit Gummischnullern, grinst verschwörerisch zu uns herüber und lässt es sich nicht nehmen, hin und wieder ihre Lehrerin hinter deren Rücken zu parodieren.

Gegen Ende taut der bunte Haufen ein wenig auf, einige sind früher gegangen und der Rest rückt zur Partnerarbeit zusammen, die schüchterne Asiatin zeigt dem älteren Herren mit den bunten Jeans, welche Aufgabe er zu bearbeiten hat und auch die Frau mit der sauberen Handschrift und dem lila Kopftuch rechts neben uns meldet sich zu Wort. „Klingeling! - Stundenende!“, ruft die Lehrerin, offensichtlich um Fröhlichkeit bemüht, und wir verlassen den Unterrichtsraum – ein Klassenzimmer wie aus dem Bilderbuch, mit Tafelschwamm, Waschbecken, Weltkarte und bunter Kreide.

Die Seminarkursler versammeln sich um einen großen Tisch und tragen Erfahrungen zusammen: Hier war es langweilig, dort war es spannend, und „manche von diesen Deutschland-Tests sind echt verdammt schwer. Also ich wüsste diese ganzen Jahreszahlen nicht.“ Ja, entgegnet unserer Herr Sowieso, dass sind die Tests über das Leben in Deutschland und die deutsche Kultur, die muss man auch für die Einbürgerung ablegen.

Nach dem Rollentausch drängen wir uns hinter dem Bürotisch der Beratungsstelle zusammen. Das ist also die erste Anlaufstelle, erklärt Herr Sowieso, an der den Einwanderern nach ihren diversen Behördengängen das Gefühl gegeben wird, dass sie tatsächlich willkommen sind. Deshalb wird seitens der Mitarbeiter – die übrigens alle selbst Lehrer sind – auch auf einen unbürokratischen, freundschaftlichen Umgang geachtet.

Tatsächlich herrscht eine lockere Atmosphäre an der Grenze zum Chaotischen vor. Eine Nummer wird aufgerufen. „Ich möchte bitte Deutsch lernen.“, nuschelt die Frau mit dem Baby im Arm, die eintritt. Ich frage mich, wie oft die Mitarbeiter diesen Satz pro Tag zu hören bekommen. Getuschel bricht unter den Hospitanten aus „Wie lange die wohl schon in Deutschland ist?“, „Guck mal, das Baby, wie niedlich!“, „Ich fände es voll cool, hier zu arbeiten. Das ist doch mega spannend!“

Wir dürfen uns den Ausweis der Kandidatin ansehen, während sie für einen Kurs eingetragen wird: Sie ist die Frau eines Botschafters und seit 2014 im Lande.

Währenddessen macht ein ausgesprochen kleiner Herr einen Sprachtest im hinteren Teil des Raumes. Für seinen Beruf braucht er nur Englisch, aber er möchte sich auch in Deutsch verbessern. „Und – was macht ihr alle hier?“, fragt er, ein bisschen ratlos beim Anblick der untereinander flüsternden Schüler hinter dem Schreibtisch. Tja, wir... gucken eben zu. Dann sollen wir doch mal raten, aus welchem Land er stammt, schlägt er vor, und grinst verschlagen: „Da kommt ihr nie drauf!“

Später korrigieren wir seinen Test, einen Lückentext, in den die richtige Verbform – unten in drei Auswahlmöglichkeiten angegeben – eingetragen werden muss. Irgendwie schon grausam, Sprache so auf Regeln zu reduzieren, denke ich mir.

Macht es denn überhaupt Sinn, auf diese Weise Sprache zu vermitteln? Tut man der Sprache nicht Unrecht damit, sie in tausend grammatische Regeln zu zwängen, die ohnehin wieder von Millionen Ausnahmeregelungen entkräftet werden? Ist es nicht besser, wie in Nirgendwo in Afrika wieder ganz von vorn anzufangen? Die neue Sprache wieder durch beobachten, anfassen, nachsprechen zu erschließen? Ist das nicht am Ende der einzig wahre Weg, um eine Sprache zu begreifen?

Doch wenn ich ehrlich bin, sind es (ausnahmsweise) weder Tiefsinnigkeiten noch Grundsatzdiskussionen, die mir von diesem Tag erhalten bleiben. Es sind die Leben, Geschichten, Schicksale so vieler Menschen, die an diesem Punkt zusammenlaufen. Diese Demonstration der Vielfältigkeit: Hier wird die Bandbreite des Menschseins ausgelotet. Hier ist alles möglich und alles schon passiert. Und es gibt tausend Geschichten, die erzählt werden wollen.

Lisa Starogardzki, 27.04.15

*Erstens: Namen sind unwichtig. Zweitens: Habt ein bisschen Mitleid mit vergesslichen Mitmenschen!

 

Masken und Regenstäbe

Kulturabend am WRG

Am 17.03. fand wie üblich der Kunst- und Darstellendes Spiel - Abend des WRG satt. Trotz Schulfrei traten die Oberstufenschüler also den Weg in die vertraute Lehranstalt an, um der Kultur zu frönen... oder wenigstens, um einen guten Eindruck zu machen und die eine oder andere gebutterte Brezel zu verschlingen.

Der Abend beginnt auf dem Treppenabsatz vor dem Lehrerzimmer mit einer Rede von Frau Knobelsdorf, die im allgemeinen Gemurmel der Anwesenden und dem aus der Aula herüberschwappenden Lärm unterzugehen droht. Frau Ehemann gibt einen kleinen Überblick über das Fotoprojekt des Kunst-Leistungskurs aus dem zweiten Semester: Es handelt sich um Aufnahmen aus dem ehemaligen Stasigefängnis Hohenschönhausen, die vor allem die vorherrschende Stimmung und die mit der Geschichte des Gebäudes verbundenen Empfindungen transportieren sollen.

Sorgsam aufgereiht und mit schriftlichen Erläuterungen versehen sind sie in den kommenden Wochen in den hinteren Fluren im zweiten Stock zu sehen, und unbedingt einen Blick (und auch einen zweiten, dritten und vierten) wert.

Als die Aufführung der DS-Kurse beginnt, drängt das Publikum schwatzend und erwartungsvoll in die Aula. - Die Stasi ist vergessen, denn das Theater nimmt die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch. Mehr oder weniger. Das Licht geht aus, und hunderte Gesichter leuchten auf, bläulich angestrahlt von den verstohlen zwischen den Knien gehaltenen Smartphones. „Handys aus!“, kommt es von der Bühne.

Shakespeare, Goethe und... Ist das nicht Dornröschen? - Immer wieder tauchen bekannte Figuren auf. Im ersten Teil ist es Goethes Erlkönig, umgesetzt in geflüsterten Versen auf einer dunklen Bühne. Masken und ein düsteres Schattenspiel hinter weißen Vorhängen leiten das Stück ein, gegen Ende taucht der Erlkönig höchstpersönlich auf, und rezitiert in manischer Weise die altbekannten Zeilen.

Nach der Pause geht es weiter mit einer verschlafenen Träumerin, die, in einer verwirrenden Mischung aus Fantasie und Realität, Ausschnitte verschiedener Theaterklassiker erlebt. Mit schimmernden Tüchern und Zauberstäben ausgestattet wird Ein Sommernachtstraum nachgespielt und Dornröschen in ihren hundertjährigen Schlaf versetzt. Das Publikum kann sich kaum halten, es wird gegrölt und gekichert, die Konzentration ist hinüber.

Am Ende hält Frau Hofmann noch eine flammende Rede, in der sie äußerst galant betont, dass die Schüler also wahrscheinlich, wenn sie dann also auch alle das Abitur schaffen soeben zum letzten mal auf dieser Bühne gestanden hatten. Es folgen Applaus und Umarmungen, Blumensträuße wechseln die Besitzer, und auf der Bühne herrscht Abschiedsstimmung, die mir als Zweitsemester wie eine sehr ferne Realität erscheint.

Lisa Starogardzki, 2. Semester März 2015

 

Shakespeare mal anders

Eine Exkursion des GK Biologie

„Das ist wirklich viel Arbeit hier im Theater Ramba Zamba.“, sagt die grauhaarige Dame mit der lauten Stimme, die die Einführungsveranstaltung leitet: „Wenn wir proben, proben wir den ganzen Tag. Das ist schwierig für viele, die es nicht gewohnt sind, lange Zeit am Stück konzentriert zu arbeiten. Trotzdem sind alle Schauspieler des Ensembles mit Feuereifer bei der Sache. Niemand, der nicht voll und ganz in der Schauspielerei aufgeht, würde sich so viel Arbeit machen.“

Das hört sich so einfach daher gesagt an, aber wer die Schauspieltruppe des Ramba Zamba in Aktion erlebt hat, der weiß, dass es sich in diesem speziellen Fall nicht besser ausdrücken lässt. Der Aufwand, die Leidenschaft, das Engagement jedes einzelnen Schauspielers werden für das Publikum in jeder Szene spür- und greifbar - vom Anfang bis zum Ende.

Das Ramba Zamba Berlin besteht aus zwei Theaterensembles mit Schauspielern, die zumeist eine geistige oder körperliche Behinderung* haben (so sind z. B. viele der Spieler vom Downsyndrom betroffen). Das Stück Lost Love Lost oder lasst mich den Löwen auch noch spielen! ist ein gemeinsames Projekt beider Theatergruppen, das zum Großteil aus improvisierten Passagen und den eigenen Ideen der Schauspieler entstanden ist.

Lost Love Lost erzählt die Geschichte einer Schauspieltruppe, die auf der Insel ihres verbannten Theaterleiters Prospero strandet. Um sich an dem Verrat durch seinen eigenen Bruder, den neuen Gruppenleiter Antonio, zu rächen, zwingt Prospero die Spieler, verschiedene Werke Shakespeares in abgewandelter Form auf die Bühne zu bringen. So will er nicht nur seine eigene Macht demonstrieren, sondern dem Ensemble auch begreifbar machen, welches Unrecht ihm durch die Verbannung widerfuhr. Doch dabei hat Prospero seine Rechnung ohne die Schauspieler gemacht, denn auch die pfuschen gewaltig im Drehbuch herum, wollen die ihnen zugedachten Rollen nicht spielen und rebellieren immer wieder gegen die Unterdrückung.

Das Stück ist eine verschachtelte Erzählung auf mehreren Ebenen, mit viel Wortwitz und herrlich unperfekt. Allein die Tatsache, dass die Schauspieltruppe eine Schauspieltruppe spielt, ist an sich schon verwirrend genug und in ihrer Verzwicktheit praktisch Shakespeare-würdig. Denn die verwischenden Grenzen zwischen Spiel und Realität, mit denen die Schauspieler auf Prosperos Insel zu kämpfen haben, werden so auch für den Zuschauer zur Grundsatzfrage: Wo hört die Realität auf, wo fängt das Spiel an? Was ist beabsichtigt, was nicht? Hinzu kommt die Tatsache, dass die Darsteller noch Stücke im Stück, einmal sogar ein Stück im Stück im Stück aufführen. Damit ergeben sich für alle Akteure mehrere Namen, sowie mehrere Charaktere, die sich teilweise gleichen, teilweise widersprechen. In der Theorie ein hochkomplexer Stoff und in der Praxis... schlichtweg unbeschreiblich.

Vor den Augen der in L-Form um die tiefer liegende Bühne herum platzierten Zuschauer spielen sich Dramen und Komödien gleichermaßen ab. Schon zu Beginn der ersten Szene werden die Grenzen des Bühnenbilds voll ausgekostet. Große Metallschüsseln, die mal Hocker, mal Schiff sind, sowie eine schwere, staubige Truhe stellen die einzigen verwendeten Requisiten dar. Die schräg abfallende Bühnenrückwand fungiert derweil als Projektionsfläche für Bilder von Wellen und Regen zur Untermalung der pantomimisch dargestellten Szenerie. Ein Sprachbild, das auch in den folgenden Szenen immer wieder auftaucht, sind die Papierrollen, auf die die verschiedenen Texte geschrieben sind, die aber auch symbolisch für die verschiedenen „Rollen“ der Schauspieler stehen.

Jeder einzelne Spieler ist ein Charaktermensch, auf seine ganz eigene Weise unverwechselbar, irgendwo zwischen Realität und Spiel. Bösewicht Prospero, gespielt von Sven Normann, thront imperialistisch in seinem Rollstuhl und überzeugt durch eindrucksvolle Mimik und Donnerstimme, wohingegen sein etwas betagterer und von Glitzerpuder bedeckter Bruder Antonio eher den altklugen, selbstgerechten Chef mimt. Prosperos Tochter, die gehörlose Miranda (gespielt von der ebenfalls gehörlosen Schauspielerin Rosemarie Walter), mischt sich spontan mit unter die Theaterleute, und bringt ihnen gemeinsam mit Inselgeist Ariel (Joannis Bacharis) die Gebärdensprache bei. Daraus entwickelt sich letztendlich ein „Gebärdenchor“ - Die Theaterleute, die in Prosperos Stücke nicht direkt eingebunden sind, sammeln sich im vorderen Bühnenbereich und beginnen, den gesprochenen Text in Gebärdensprache zu übersetzen, was sich nach und nach zu einem pantomimischen Tanz auswächst.

Unter Anleitung von Prospero verstricken sich die Schauspieler immer tiefer in einem Netz aus Verrat, Wahnsinn und Eifersucht, dass den Gegensatz von Gut und Böse beinahe aufzuheben scheint. Zu guter Letzt gelingt es ihnen aber doch, sich aus Prosperos Schreckensherrschaft zu befreien und von seiner Insel zu fliehen. Währenddessen blüht junge Liebe zwischen den Darstellern auf und auch der grobe Sklave Caliban entwickelt ein Gewissen und zarte Emotionen.

Wie bereits in der Einführung prophezeit, spielt es letztendlich keine Rolle, ob man die Gebärdensprache versteht oder nicht, ebenso wenig, ob nun der eine oder andere Schauspieler seinen Text vernuschelt: Es ist ein Stück, bei dem es vor allem um das „Feeling“ geht, um diese kuriose Mischung aus bizarren Kostümen, stummfilmhafter Musik und sichtbarem Spielspaß, die einen augenblicklich in ihren Bann zieht. Man muss weder Hamlet noch Richard III kennen, um in dieser Handlung aufzugehen, um mitzufiebern und bei jedem Schrei und Paukenschlag von kribbeliger Spannung durchflutet zu werden.

Lost Love Lost ist ein Stück, dass in seiner Vielschichtigkeit und in seiner Durchführung einmalig ist. Etwas, dass man nehmen und genießen muss, wie es gerade kommt, und von dem man sich einfangen und mitreißen lassen muss. Es ist ein Gefühl, dass sich nicht in Worte kleiden lässt.

Lisa Starogardzki, 2. Semester, März 2015
 

* Tatsächlich ist „Behinderung“ ein korrekter Ausdruck. Genau genommen der einzig existierende für diesen Umstand. Ich finde es traurig, dass dieses Wort, was so exzessiv als Beleidigung genutzt und verstanden wird, tatsächlich mangels Alternative noch immer als sachliche Bezeichnung dienen muss. Natürlich kann das Wort an sich nichts dafür, sondern wir alle, die wir es als Beleidigung ansehen und verwenden, ungeachtet seiner ursprünglichen Bedeutung. Doch selbst wenn wir damit aufhören, ein so negativ konnotiertes Wort lässt sich im Nachhinein nicht mehr neutralisieren. Schließlich waren auch „Idiot“ und „Krüppel“ mal neutrale(re) Bezeichnungen. „Behindert“ ist es bereits genauso wie ihnen ergangen, und es hat sich unwiderbringlich in den Weiten des Beleidigungsvokabulars verloren. Wir brauchen ein neues Wort! Idee?

 

Filmkritik: Fruitvale Station

Kann ein reales Gewaltverbrechen in Form eines Spielfilms angemessen verarbeitet werden?

Die drei Englischleistungskurse aus dem zweiten Semester sind mal wieder gemeinsam unterwegs: Eine Exkursion ins Kino, doch worum es in dem Film überhaupt geht, weiß keiner. Es ist schließlich schon schwer genug, den ulkigen Titel zu behalten.

Nachdem auch sämtliche Zuspätkommer eingetroffen sind (und den Pünktlichen bereits die einen oder anderen Gliedmaßen abgefroren sind), trotten wir im Gänsemarsch und ohne eine Idee, was uns erwartet, in den menschenleeren Kinosaal.

Ein verpixeltes, verrauschtes Handyvideo, wackelig gefilmt und mit kaum erkennbaren Bildern, flackert über die Kinoleinwand. Ein Tumult - Eine Schlägerei? - Menschen laufen hin und her, Menschen rufen, Menschen sitzen, Menschen stehen, Menschen zerren aneinander. Noch ehe man die Bilder im Kopf zusammenfügen kann, fällt ein Schuss. Stille. Eine schwarze Leinwand. Dann wird ein Filmtitel eingeblendet: Fruitvale Station.

Ein Pärchen beim Tête-à-tête auf dem Bett, er ganz verrückt nach ihr, sie abweisend: „Woher soll ich wissen, ob du es wirklich nur einmal mit dieser Bitch getrieben hast?“ - So beginnt die Geschichte von Oscar und Sophina. Der Film erzählt das mehr oder weniger alltägliche Schicksal einer Familie aus der unteren Mittelschicht: Kind in den Kindergarten bringen, zur Arbeit fahren, Essen bei Oma. Rückblenden zeigen Oscar ein Jahr zuvor, als Häftling im Streit mit einem Insassen. Konflikte durchbrechen die scheinbar harmonische Oberfläche: Oscar verliert seinen Job, flirtet mit anderen Frauen, verkauft Drogen, sitzt später ratlos am Strand und lässt das Marihuana in die Wellen rieseln...

Nichts scheint auf den Punkt, auf den letztendlich alles hinauslaufen muss, hinzudeuten, während sich kleinere und größere Dramen am Rande der Handlung abspielen. Nach und nach gerät der Zuschauer in diesen Rausch, den Rausch des gemächlich verstreichenden Lebens, dass sich da vor seinen Augen abspielt. Und dann, wenn das Handyvideo vom Anfang schon fast vergessen ist, wenn man vom Scheitel bis zur Sohle in diesem fremden Schicksal steckt, wenn es nichts Wichtigeres mehr gibt als den Beziehungsstress zwischen Oscar und Sophina und der Frage, ob Oscar nun einen Job bei seinem neuen Freund Peter bekommen wird – dann reißt sie einen aus dieser Scheinwirklichkeit, die Realität, das unvermeidliche Ende.

Ein Ruf, eine Schlägerei, Sicherheitsbeamte zerren Oscar aus der Bahn, Schläge, Gerangel, eine weinende Sophina am Telefon, ein Schuss: „Sagt mir, was los ist! Sagt mir, wo Oscar ist!“. Eine Trage wird herangerollt, Oscar liegt in einer Blutlache, neben ihm kniet ein verzweifelter Polizist. Den Schuss - behauptet er - hat er nicht absichtlich abgegeben. Im Krankenhaus ein kurzer Hoffnungsschimmer: Weniger für die Protagonisten, als für das Publikum. Der Satz „Er hat es nicht geschafft.“, rührt einige Mitschülerinnen zu Tränen.

Große, rehbraune Augen und ein rundes Kindergesicht: „Wo ist Daddy?“, fragt Oscars kleine Tochter Tatiana, dann ist der Film zu Ende. Es folgt eine kurze Information: Dieser Film basiert auf einer wahren Begebenheit. Oscar Soundso wurde in der Silvesternacht vom Soundsovielten in San Francisco von einem Polizisten erschossen. Dieser wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt und kam nach elf Monaten Haftstrafe wieder frei. Der Fall löste landesweite Proteste und scharfe Kritik gegenüber der amerikanischen Polizei aus.

Und das war der Moment, in dem das gesamte Konzept dieses Films vor meinen Augen ins Wanken geriet. Ich muss gestehen, dass ich mit Filmen, die auf wahren Begebenheiten, insbesondere auf wahren Gewaltverbrechen basieren, so meine Probleme habe. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass eine Geschichte wie diese in Form eines Spielfilms auch nur annähernd authentisch wiedergegeben werden kann. Allein mit der Wahl der Schauspieler, dem Füllen der durch ungeklärte Sachverhalte im Drehbuch entstandenen Lücken, geht eine allgegenwärtige Verfälschung der Tatsachen einher. Dass die Lebensgeschichte real existierender, lebendiger Menschen hier in Form eines Spielfilms abgedreht wurde, erscheint mir im ersten Moment wie die äußerste Perversion unserer sensationsgeilen Gesellschaft. Reicht es nicht, zu wissen, was an diesem Tag vorgefallen ist? Reicht es nicht, dass es Handyvideos von der Tötung Oscars überall im Internet zu sehen gibt, (die sich anzusehen wohl nicht minder moralisch verwerflich ist)? Reicht es nicht, dass die Hinterbliebenen Oscars von allen Seiten mit Fragen bestürmt und in den Nachrichten gezeigt werden? Warum müssen wir das Schicksal einer trauernden Familie ins Licht der Leinwand zerren?

Kleinen Kindern bringt man bei, nicht hinzustarren, wenn man mit dem Auto an einer Unfallstelle vorbeifährt. (Nun, zumindest mir wurde das so beigebracht), um niemanden zu belästigen. Warum aber dürfen wir dann die Geschichte einer Gewalttat so dermaßen ausreizen und mit kullerigen Kinderaugen auf die Tränendrüse drücken? Ist das nicht ein bisschen über das Ziel des Erinnerns, des Bewusstmachens der Missstände unserer Gesellschaft, hinaus geschossen? Ist das noch guter Wille oder schon Geldmacherei?

Letztendlich ist es wohl ersteres, aber nur gerade eben so. Würde dieser Film auf RTL laufen, hätte ich ihn als widerliche Sensationsvermarktung abgetan. Aber sieht man ihn sich an, so überwiegt doch die Tatsache, dass es sich schlichtweg um ein einzigartig kreatives Kunstwerk handelt. Das ist keine schnöde Dokumentation, sondern ein mitreißendes und emotionales Meisterwerk, dass Empathie wachruft, auf eine so einfühlsame, geschickte Weise, wie man es doch selten erlebt. Nicht umsonst wurden Fruitvale Station schließlich zahlreiche Auszeichnungen verliehen, unter Anderem der Grand Jury Prize und der Publikumspreis für U.S. Dramatic Film auf dem Sundance Film Festival 2013, wo er debütierte.

Trotz alledem wäre ein bisschen mehr Abstraktion wohl angebracht gewesen. Mehr Spiel mit Namen, Umständen und ethnischen Zugehörigkeiten hätten das Werk nicht nur vom Verdacht der Verharmlosung befreit, sondern vor allem auch die Allgemeingültigkeit der Problematik verdeutlicht.

Lisa Starogardzki, 2. Semester, März 2015

 

Flyergewusel am Tag der offenen Tür

Es ist Samstag, halb zehn, ich haste verschwitzt die Treppe vorm Haupteingang hoch - spät dran! - und finde mich plötzlich umgeben von flirrender Geschäftigkeit. Schüler eilen die Flure hinunter, Lehrer werfen suchende oder misstrauische Blicke aus den halbgeöffneten Türen der verschiedenen Fachräume, Tesakrepp wird hin und her gereicht und der erschöpft brummende Kopierer steht kurz vorm Burnout.

Skikurs? Skikurs? Wo ist der Skikurs? In Raum 110? Oder doch in der Sporthalle? Jetzt könnte ich einen Fremdenführer gebrauchen, einen von den Neuntklässlern vielleicht, die vorm Sekretariat für potenzielle Besucher bereitstehen.

Auf halbem Weg zu Raum 110 drückt man mir mein Namensschild in die Hand - Lisa Starogardzki: Redakteurin Schülerzeitung - mein Gott, wie vornehm. Ich schnorre mir beim Förderverein noch ein Walther-Rathenau-Gymnasium-T-Shirt, sprinte in den ersten Stock - und stehe vor einer verschlossenen Tür. Also doch die Sporthalle. Die Odyssee geht weiter.

In der Mädchenumkleide läuft bereits unsere Präsentation, um die sich ein paar neugierige Schüler geschart haben. Das Plakat mit Skikursfotos, das an der Tür zur Sporthalle klebt, stammt allerdings nicht von uns. Es ist meines Erachtens dasselbe, das schon bei einem Tag der offenen Tür vor nunmehr fünf Jahren dort hing, den ich selbst als Sechstklässlerin besuchte. Damals habe ich die Broschüre aus dem Fachbereich Französisch mit Feuereifer studiert (bevor mich Schulalltag und Vokabelstress einholten), in der Chemie mit Herrn Müller (nun, ich glaube zumindest, dass es Herr Müller war) irgendwelche Münzen versilbert (Verchromt? Verzinkt? Was weiß ich.) und unter Herrn Schaepers Obhut auf einem der ersten Smartboards unserer Schule eine Mittelmeerkarte mit pinkfarbenen Peacezeichen verziert.

Während ich in Gedanken noch bei „meinem“ Tag der offenen Tür bin, kopiere ich eifrig Skikursflyer und Plakate und positioniere mich dann strategisch günstig am Haupteingang, um den Besuchern Flyer und Schülerzeitungs-Leseproben anzudrehen, bevor sie wieder Reißaus nehmen können.

Irgendwann sind meine Heftchen alle und ich ende im Fachbereich Deutsch, der Länge nach auf einem Schultisch liegend (später sitzend), und die hereinkommenden Leute beobachtend, ihre Fragen und die Antworten, die sie erhalten, belauschend. Kaum jemand stellt mir eine Frage - wahrscheinlich strahle ich einfach nicht genügend Kompetenz aus, und nur ein kleiner Junge scheint sich tatsächlich für die Schülerzeitung zu interessieren: Er will wissen, wann wir uns treffen, wie oft, was wir besprechen, worüber wir schreiben.

Währenddessen scheint die Siebte-Klassen-Problematik mahnend über allem zu schweben: Einerseits sind wir alle ganz sicher, dass es dieses Jahr auf jeden Fall wieder siebte Klassen geben wird, andererseits sind wir aber auch ein bisschen angespannt, lächeln verkrampft enthusiastisch und legen uns übermäßig ins Zeug, als hinge das Schicksal dieser Schule allein von diesem Tag ab.

Die Besucher selbst wirken ein wenig überfordert, vor allem von dem dicken Papierstapel, den sie am Haupteingang von einem beständig grinsenden Herrn Karnatz in die Hand gedrückt bekommen: Raumplan, Flyer, Schülerzeitung, Skikurs, Visitenkarte, Kugelschreiber und was-weiß-ich-noch-alles. Wir hätten uns wohl vorher ein bisschen besser absprechen sollen - ein Blatt, das einen Überblick über alle Angebote gibt, vielleicht mit einem Raumplan auf der Rückseite, hätte völlig ausgereicht. Zumindest aber hätten die Flyer wohl in ihren angestammten Fachbereichen bleiben sollen, damit nicht alles auf einmal kommt und die Flyerverteiler auch noch die Möglichkeit haben, etwas zu ihren Papierchen zu sagen.

Trotzdem wird uns wohl kaum jemand aufgrund unserer Zettelwirtschaft verurteilen, und mal ehrlich: den Eindruck einer super-engagierten (wenn auch etwas unorganisierten) Schule zu machen, ist wohl auch nicht das Schlechteste.

Lisa Starogardzki und Jan Hilgendorf (Fotos), 2. Semester

 

Weihnachten

Weihnachtsgedicht im einundzwanzigsten Jahrhundert

Von drauß vom Walde komm ich her

Der Weihnachtsflitter wird mehr und mehr

 

Hinter den Ladentresen Sitzen

Die müden Verkäuferinnen und schwitzen

 

Und aus dem geöffneten Ladentor

Strömen gestresst die Massen hervor

 

Sie verstopfen die Busse und auch die U-Bahn

Ihre Vernunft weicht plötzlich Geschenkekaufwahn

 

Knecht Ruprecht“ ruf ich, „Alter Gesell,

hebe die Beine und spute dich schnell,

 

Die Herzen fangen zu brennen an,

Himmel und Hölle sind aufgetan

 

Auf den rutschigen Straßen tummeln sich nun

Alte und Junge und wollen nicht ruh'n

 

Bevor die Läden geschlossen werden

Als gäbe es keinen Frieden auf erden

 

Eh unter'm lamettabehängten Christ-

Baum auch das letzte Paket verstaut ist.“

 

Egal ob im Dorf oder in der Stadt

Ein jeder der Kind ist oder selbige hat

 

Wird automatisch ein Teil vom „wir“

Und denkt: „Abgehetzt durch die Straßen marschier'

 

Nur ich, denn der Genuss von Mandelkern

Liegt meinen Kindern furchtbar fern

 

Eine Playstation wollen die von mir

Und vielleicht dazu noch ein neues Klavier,“

 

Und doch, wen sollen wir dafür ächten?

Denn mal im Ernst, wir alle verfechten

 

im Grunde ja freiwillig das Recht

auf Weihnachtsstress und Kaufrauschgefecht.

 

Von drauß vom Walde komm ich her

Wer erinnert sich dieser Zeile nicht mehr?

 

Ganz ehrlich, in unseren Herzen sind

Wir doch alle noch gerne ein Weihnachtskind.

 

Dezember 2014

Lisa Starogardzki, 1. Semester

 

Prix des Lycéens Allemands

Ein Projekt des Leistungskurses Französisch

„Hallöchen!“ rufe ich fröhlich und platze in Frau Behrendts Französisch-Leistungskurs hinein.
„Frau Behrendt hat mir erzählt, ihr macht hier irgendsoein tolles Projekt, und darüber will ich jetzt was schreiben. Erzählt doch mal. Was ist das denn für ein Projekt?“
Äußerst würdevoll lasse ich mich hinters Lehrerpult plumpsen. Ist doch auch mal ganz schön, denke ich mir, hier als Erstsemester vor lauer Drittsemestern zu sitzen. Ich kann kaum an mich halten, ein: „Arbeitshefte raus, Kinder! Wir schreiben ein Diktat!“ herauszuposaunen.

Der Prix des Lycéens Allemands (dt. Preis der deutschen Schüler) ist eine Aktion des Institut Français und des Klett Verlags, bei der es darum geht, deutschen Schülern moderne Frankophone Literatur näher zu bringen. Das hört sich vielleicht erstmal ein bisschen zäh an, ist es aber nicht.
Den Schülern stehen vier Bücher zur Auswahl, eines davon wird zum Sieger bestimmt. Die Stimmen der verschiedenen Schulen werden dann ausgezählt, sodass erst für ganz Berlin und dann deutschlandweit das Siegerbuch ermittelt wird.
Außerdem haben die Schüler im Rahmen des Projekts die Möglichkeit, einen der vier Autoren, in unserem Fall Jean-Paul Nozière, den Autor von Camp Paradis, zu treffen und ihm Fragen zu Buch und Beruf zu stellen.
Meinen Neid an dieser Stelle kann man sich bildlich vorstellen.

Den Preis gedachte unser Kurs dem Buch La fille rêvait d'embrasser Bonnie Parker (dt. „Das Mädchen, das davon träumte, Bonnie Parker zu küssen“) zu.
„Und worum geht's da?“
„Na, um ein Mädchen, das merkt, das sie lesbisch ist, und darum, wie ihr Umfeld so darauf reagiert.“
Klingt spannend, finde ich. Dumm nur, dass ich nichts verstehen werde, wenn ich versuche es zu lesen.
Gewidmet ist das Buch übrigens den Opfern eines Amoklaufs auf ein Jugendzentrum für Homosexuelle in Tel-Aviv.

Zum Lesen wurde der Kurs dann in Gruppen aufgeteilt: Jede Gruppe bekam ein Buch zugeordnet und präsentierte es vor der Klasse, anstelle einer Klausur. Das ist ja an sich eine feine Sache, trotzdem wird Kritik geäußert:
So eine Buchpräsentation sei schon aufwendiger als eine Klausur, das ist ja klar. Und schade sei es trotzdem, dass man nicht alle Bücher hätte lesen können.
Letztendlich überwiegt dann aber doch das positive Feedback, denn: „Gruppenarbeit macht immer Spaß und es ist schön, mal ein modernes Buch zu lesen, mit Jugendsprache und so.“

Nur eine Frage stellt sich mir noch, die offen bleibt:
Warum gibt es sowas eigentlich nicht in meinem Englisch-Leistungskurs?

Lisa Starogardzki, 1. Semester

 

Die Theaterkritik

The Life and Death of Martin Luther King

Alle (drei!) Englisch-Leistungskurse aus dem 1. Semester hatten diesen Oktober die Ehre, sich das Theaterstück „The Life and Death of Martin Luther King“ in der Akademie der Künste anzuschauen. Am 14.10.14 waren die Kurse von Frau Kadir und Frau Behrendt dran.
Und natürlich, wie sollte es anders sein, kaum war das Stück vorbei, da kam von Frau Behrendt ein: „Sag mal Lisa, du bist doch bei der Schülerzeitung – wie wär's mit einer Theaterkritik?“
Na super, dachte ich mir. Wie, bitteschön, schreibt man Sowas denn?
Zum Glück gibt es ja das Internet.
Also, hier ist sie - meine erste Theaterkritik:
The Life and death of Martin Luther King
Ein Maskenspiel der besonderen Art...
Akademie der Künste Berlin. Leer. Nur in den vorderen Reihen sitzen tuschelnd einige Schüler. Dann geht das Licht aus und der Spot an. Auf der Bühne steht ein mondgesichtiger Mann im blassbeigen Anzug und beginnt in bester Fernsehmoderator-Manier seinen Text zu rezitieren.
Worum es in „The life and death of Martin Luther King“ geht, ist wohl nicht allzu schwer zu erraten, spannend ist allerdings die Umsetzung mit nur fünf Schauspielern und kaum Requisiten.
Während aus zwei Stühlen und einem Pappschild im Handumdrehen ein Bus und in der nächsten Szene ein Wohnzimmer entsteht, wirken mit Edding gemalte Schmutz- und Blutflecke auf Kings Hemd auf sympathische Weise unperfekt.
Die Schauspieler schlüpfen mühelos von einer Rolle in die nächste: Rosa Parks wird zum Groupie im knappen Kleid, der ausgebeutete Farmarbeiter zum selbstgefälligen Polizisten. Unterstützend wirken hierbei die schwarzen und weißen Masken, die anfangs etwas rassistisch wirken, aber in Kombination mit der Vielseitigkeit der Schauspieler eine beeindruckende Wirkung erzielen.
Kings berühmte „I have a dream...“ -Rede geht in der zweiten Hälfte des Stücks in dem allgemeinen Durcheinander aus plötzlichen Musical-mäßigen Gesangseinlagen und stark symbolträchtigen Choreografien leider etwas unter, was jedoch durch das fulminante Ende allemal wieder wettgemacht wird. Wenn auch für meinen Geschmack ein wenig überdramatisch, so zeigt der Tod des Protagonisten doch erst das wahre Talent seines Schauspielers, und die Verwendung von rotem Licht anstelle von spritzendem Ketchup das des Dramatikers.
Auf jeden Fall macht das Stück den Eindruck, als sei es mit viel Herzblut geschrieben und natürlich auch gespielt worden. Wer bei einem von Kings Wutausbrüchen nicht nass werden will, sollte sich jedoch unbedingt von der ersten Reihe fernhalten - wer schon immer mal Martin Luther King die Hand schütteln wollte, sollte sich hingegen unbedingt in selbige begeben.
Trailer: www.adg-europe.com/?promo=martin-luther-king-sneak-peek
Lisa Starogardzki, 1. Semester

 

Hirn im Käfig

Was eine Projektwoche über unser Sozial- und Lernverhalten aussagt.

Unsere beiden Projekttage, die aus bisher unbekannten Gründen (ich tippe auf Wunschdenken der Schüler oder eine Rechenschwäche der Lehrer) als Projektwoche bezeichnet werden, beginnen mit einem großen Gedränge. Vor der Tafel am Haupteingang steht ein ratloser Pulk Schüler und betrachtet die nicht sonderlich informativen Überschriften der Teilnahmelisten.
Möglicherweise durch den Mangel an Informationen oder eine allgemeine Abneigung gegenüber zäher Schreiberei begünstigt, findet das Projekt „Sport in der DDR“ besonderen Zuspruch. Nach wenigen Minuten sind alle Plätze belegt, was unsere hochverehrten Interessentinnen und Interessenten dazu verleitet, uns ein höchst seltenes Phänomen der Psychologie zu demonstrieren: Furchtlos schlagen sie jegliche moralische Grundsätze und durchdachte Reaktionsmöglichkeiten in den Wind und entscheiden sich kurzerhand dazu, die Namen anderer aus der Liste zu streichen, um Platz für die eigenen zu schaffen.
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich die Erfolgschancen dieser Strategie für eher gering erachte.
Trotz der anfänglichen Entscheidungsschwierigkeiten herrscht zumindest in meiner Projektgruppe eine recht motivierte Stimmung und obwohl man uns bei der Wahl der Themen und deren Bearbeitung größtenteils freie Hand lässt, sind unsere Ergebnisse relativ umfangreich.
Am Ende sind wir uns alle einig: Die Projektwoche war eine tolle Idee, aber eindeutig zu kurz!
Außerdem äußern einige Schüler Kritik an der doch sehr entspannten Arbeitsatmosphäre, was mir zu Denken gibt.
Obwohl ich doch sehr hoffe, dass diese Unzufriedenheit auf der Vorstellung beruht, die Lehrer hätten sich möglicherweise allzu sehr entspannt, während die Schüler arbeiten mussten, so habe ich doch das Gefühl, dass der eigentliche Grund ein anderer ist:
Haben wir die Lernatmosphäre, die wir seit der ersten Klasse vorgelebt bekommen, dieses allgegenwärtigen Prinzip des Lehrmeisters, des Vorgesetzten, der über alles entscheidet und nur konkrete Teilaufgaben an seine Untergebenen vergibt, bereits so verinnerlicht, dass sich jede Möglichkeit der freien Entfaltung, des selbstständigen Arbeitens für uns ungewohnt und falsch anfühlt? Sind wir als Teile des Systems schon so weit gekommen, das wir nicht mehr in der Lage sind, autonom zu denken und zu handeln, und das, obwohl wir doch immer so auf die Rechte des Individuums pochen? Ich weiß, dass die Antwort Ja lautet, zumindest für mich.
Manchmal ist es doch wirklich verwunderlich, welch tiefgründige Fragen so eine Projektwoche aufwerfen kann.
In diesem Sinne,
Die Möchtegernphilosophin, die sich nun brav dem von ihr angeprangerten System beugt und ihre Hausaufgaben macht.
Lisa Starogardzki, 1. Semester

 

25 Jahre Mauerfall

An der Lichtergrenze

20 Ballonpaten des Walther-Rathenau-Gymnasium trafen sich um 15 Uhr am S-Bahnhof Halensee. Von dort aus starteten wir mit dem M29 in Richtung Moritzplatz. Nachdem sich hier eine weitere Gruppe der WRG zu uns gesellt hatte, zogen wir zur Jacobikirche, wo wir erst einmal „einchecken“ mussten. Nach einer kurzen Wartezeit, bekamen wir auch schon die schicken roten Patenjacken und Turnbeutel mit Infoheft, Hebel für unseren Ballonständer, einem Zettel für unseren Spruch, den wir später an unseren Ballon hängen würden, Schokolade in Herzform.

Es hätte alles so schön reibungslos und unbeschwert verlaufen können, hätten da nicht einige Beutel gefehlt. Ganze sieben Stück waren nicht vorhanden und keiner wusste wieso. Aber was nun? Ohne den beigelegten Hebel konnte der Ballon nicht losgeschickt werden. Aber Frau Dethloff, die schon den ganzen Tag über aufgeregt und auch ein bisschen hektisch wirkte, setzte sich engagiert dafür ein, dass die Schüler ohne Turnbeutel wenigstens noch einen Hebel bekamen. Als dann alles Nötige vorhanden war, liefen wir weiter zu unseren Ballons.

Ein herrliches Bild bot sich uns dort. Hunderte Menschen zogen von links nach rechts, von rechts nach links und bewunderten die Ballons am grauen Vorabendhimmel. Die hellen Ballons waren auf unserer Grünfläche die einzige Beleuchtung, aber das hat auch gereicht. Jeder suchte seinen Ballon und stellte sich zu ihm, hängte seinen Zettel mit der Botschaft an und unterhielt sich mit den anderen.

Aber fehlte da nicht ein Ballon? Die Nummer S1458 war samt Ständer verschwunden. Beziehungsweise lag der kaputte Ständer ein paar Meter weiter im Gebüsch. Nun wusste der Pechvogel nicht, was er tun sollte. Er hatte nicht nur keinen Beutel bekommen, nein jetzt fehlte auch noch der Ballon! Aber dank eines netten Klassenkameraden, der ihm anbot, seine Botschaft ebenfalls an seinen Ballon zu hängen, war alles halb so wild. An dem ein oder anderen Ballon fehlte dann auch noch die Schnur um den Zettel anzubringen, aber das störte keinen. Wir standen noch ein Weilchen an der Lichtergrenze und unterhielten uns. Es lag Spannung in der Luft und etwas Festliches.

Endlich, da sahen wir hinten am dunklen Nachthimmel die ersten Ballons aufsteigen und die Aufregung wurde noch größer. Die Ballons leuchteten nicht, wie es viele erwartet hatten, der Ständer, an dem sie hingen war eine Lampe, die die Ballons beim Aufstieg noch ein wenig anschien. Die Welle aus weißen Kugeln kam immer näher und näher und war in gefühlter Sekundenschnelle bei uns angekommen. Noch 3 Ballons, 2, 1 und Hebel runter, Ballon hoch! Und schon stieg er auf in den schwarzen Himmel. Es gab viel Gejubel und Gelächter, es lag eine herrliche Euphorie in der Luft, die nicht so schnell verschwand. Die weiße Welle zog weiter und weiter, als wolle sie gar kein Ende nehmen.

Als alle Ballons unserer Gruppe in die Höhe gestiegen waren, fand man sich dann zusammen um noch ein wenig Sekt und Orangensaft zu genießen. Es gab immer noch viele fröhliche Gesichter, es hatte anscheinend allen sehr gefallen. Nachdem alles ausgetrunken worden war, machten sich die meisten so langsam auf den Nachhauseweg.

Dies war bloß nicht so einfach zu bewerkstelligen, viele Busse fuhren nicht, so mussten alle auf die U- und S-Bahn umsteigen. Diese waren dann bis zum Rande gefüllt und wir kamen kaum rein oder raus. Irgendwie schafften wir es dann doch heim und fielen müde und erschöpft ins Bett. 25 Jahre Mauerfall – was für ein Erlebnis.

An dieser Stelle noch einmal ein großes Dankeschön an Frau Dethloff und alle anderen Beteiligten, die sich für diese schulexterne Aktion eingesetzt haben!

David Feldbusch, 9c

 

Erwartungen an und Pläne für die Schülerzeitung

Ich gebe es ja zu: Obwohl ich eher wenig Fernsehen gucke, sind meine Vorstellungen von einer Schülerzeitung doch ziemlich beeinflusst von schlechten amerikanischen Fernsehserien und ja, ganz vielleicht hängt in meinem Kopf auch noch irgendwo die Vorstellung des intelligenten hübschen Mädchens fest, das immer für die Schülerzeitung schreibt und am Ende rein zufällig den unheimlich anbetungswürdigen Protagonisten abkriegt *Seuftz*.

Nun ja, was soll's. Meine hauptsächliche Erwartung bezüglich unserer Schülerzeitung ist, dass sie jemand liest. Bei all der Mühe, die wir uns geben, hoffe ich doch, dass sich wenigstens ein kleiner Teil unserer Schülerschaft dazu aufraffen kann. Demnach ist mein Hauptbestreben, dass unsere Schülerzeitung anders wird. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht genau wie, vor allem da ich (noch) nicht viele aus unserem SZ-Team kenne und einschätzen kann. Aber ich werde mir alle Mühe geben, diese Schülerzeitung lesenswert zu machen.

Und möglicherweise möchte ich auch einfach, dass meine Texte von mehr Leuten als meinen Lehrern und Eltern gelesen werden. So ein kleiner unschuldiger Narzissmus möchte schließlich auch gepflegt werden.

Lisa Starogardzki, 1. Semester

 

 

Schulfest 2014

Zu unserem Schulfest kommt doch eh keiner? Von wegen! Wir (Milena und Lisa, 1. Semester) haben eine Umfrage gemacht und Leute getroffen, mit denen wir eher nicht gerechnet hätten...

Schulfest an der Walther-Rathenau-Schule: Dass unser alljährliches Schulfest am Geburtstag unseres Namensgebers Rathenau stattfindet, wissen längst nicht alle Schüler. Häufig hört man Sätze wie „Außer den Schülern kommt doch da eh keiner.“ Im Allgemeinen stehen wir dem Schulfest eher lustlos gegenüber. Aber warum eigentlich?

Früher scheint nicht nur das Schulfest sondern auch die Schülergemeinschaft an sich eine größere Rolle gespielt zu haben: Neben den hungrigen Schülern und Lehrern haben wir unter anderem den ehemaligen Schüler Jon Wolffsky getroffen, der an unserer Schule auch sein Praktikum gemacht hat. Wolffsky, der einer der einzigen drei überlebenden Berliner Juden seines Jahrgangs ist, hat seine Zeit an der Rathenau in guter Erinnerung. Auch zu seinen ehemaligen Klassenkameraden hat er noch Kontakt: „Wir treffen uns immer noch regelmäßig. Früher haben wir zusammen Sport gemacht, aber inzwischen spielen wir meistens Boule oder Dart.“ Auch unser Schulfest besucht Wolffsky häufig und gerne: „Die Walther-Rathenau-Schule war spitze, ist spitze und wird hoffentlich auch immer so bleiben!“, sagt er.

Aber wir hatten auch noch einen anderen ganz besonderen Gast: Radioreporterin Annika Erichsen war da, um sich die Lesung aus dem Tagebuch von Werner Barasch anzuhören und die am Projekt beteiligten Schüler des Leistungskurs Geschichte für ihre Sendung zu interviewen. Auch sie war von unserem Schulfest sehr angetan: „Es ist alles sehr liebevoll gestaltet und es ist wirklich schön, hier zu sein.“
Die Interviews und die Lesung könnt ihr übrigens am 26. Januar auf SWR II in der Sendung „Tandem“ hören. Eine Wiederholung gibt es am 27. Januar, danach wird der Beitrag außerdem als Podcast auf www.swr.de/swr2 zum Download angeboten.

Ebenfalls anwesend war unsere ehemalige Schulleiterin Frau Dr. Kniepen. Sie zeigte uns das Schularchiv, in dem sie und andere Freiwillige an einem Projekt zur Katalogisierung alter Schuldokumente aus dem Nationalsozialismus arbeiten. Die ersten Früchte dieser Arbeit wurden bereits in dem Buch „Die Vertreibung jüdischer Schüler und Schülerinnen aus den Grunewald-Gymnasium ab 1933“ zusammengetragen.

Es scheint so zu sein, dass sich viele ehemalige Schüler und Lehrer immer noch für unsere Schule engagieren, sei es durch Spenden oder durch Projekte, und sich der Schulgemeinschaft noch immer zugehörig fühlen.

Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel daran nehmen - uns mehr für unser Schulfest einsetzen, um aus der ungeliebten Pflichtveranstaltung ein vielfältiges und erfolgreiches Event zu machen. Ein  Schülerfest: von Schülern und für Schüler, aber auch für andere - für Ehemalige, für Freunde und für unsere zukünftigen Schüler.

Lisa Starogardzk

 

Redaktionsteam