Neues aus dem Archiv

November 2016

Zum 100jährigen Geburtstag von Marie-Luise Marx, ermordet 1943 in Auschwitz

Bevor das Jahr 2016 zu Ende geht,  noch im November, wenn viele von uns am Jahrestag der Pogromnacht am Schweigemarsch zum S-Bahnhof Grunewald, dem Ort der Deportation vieler Berliner Juden, teilnehmen, möchte ich an den 100jährigen Geburtstag von Marie Luise Marx, einer Schülerin des Grunewald-Gymnasiums,  erinnern, deren tragisches Schicksal weitgehend unbekannt ist. Während die meisten der  jüdischen Schülerinnen und Schüler, die  1933 die Schule verlassen mussten, dank Geld und Weitblick ihrer Eltern rechtzeitig emigrieren konnten,  im Ausland ihre Ausbildung fortsetzten,  anspruchsvolle  Berufe fanden, Familien gründeten und oft beachtliche Karrieren machten,  sind diejenigen, die von den Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern ermordet wurden, eher unbekannt geblieben. Geschichte wird von den Überlebenden geschrieben, Tote haben keine Stimme. Es sei denn, sie wird ihnen verliehen, wie Renate Alsberg es für ihre Freundin Marie-Luise, genannt „Loulou“, gemacht hat.
Ich gebe im Folgenden die Ausführungen von Renate Alsberg Hunter wieder, die sie 1987 für Ronney Harlow aufgeschrieben hat, der die Berichte emigrierter Schülerinnen und Schüler des Grunewald-Gymnasiums unter dem Titel „Their own lifes“ gesammelt hat. Ein Exemplar dieser hektographierten Broschüre befindet sich im Archiv des Walther Rathenau-Gymnasiums.



Marie Luise Marx um 1935


Marie-Luise wurde 1916 in Berlin geboren. Die Familie, der Vater war Deutscher, die Mutter Französin, wohnte nach dem Ende  des Ersten Weltkriegs in Berlin-Dahlem. Marie-Luise besuchte zunächst das Bismarck-Lyzeum (heute Hildegard Wegscheider Gymnasium), dann ab 1931 das Grunewald-Gymnasium, das als Jungenschule einen ausgezeichneten Ruf besaß und auch  Mädchen aufnahm. 1931 waren unter 700 Jungen 7 Mädchen auf der Schule.

Das Grunewald-Gymnasium in den frühen 30ern des letzten Jahrhunderts

 

1933 musste Marie-Luise gemäß den neuen rassistischen Bestimmungen wie die meisten anderen jüdischen Schülerinnen und Schüler, darunter auch ihre Freundin Renate  Alsberg,  das Grunewald – Gymnasium verlassen. Sie ging nach Frankreich, wo die Familie ihrer Mutter lebte und nahm die französische Staatsbürgerschaft ihrer Mutter an. Bei ihrer Schwester, die in Paris mit einem französischen Filmregisseur verheiratet war, kam Marie-Luise unter,  machte eine Ausbildung zur Fotografin und übte ihren Beruf erfolgreich aus.
Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Frankreich änderte 1940 die Situation für alle Emigranten. Zunächst entgingen  Marie-Luise und ihre Familie dem Zugriff der  französischen Behörden, die sie wegen ihrer französischen Pässe nicht wie z.B. ihre Freundin Renate Alsberg zur feindlichen Ausländerin erklären und internieren konnten.  Marie Luises Mutter beharrte in dem  Glauben,  die französische Staatbürgerschaft sei eine Garantie für Sicherheit, auch nach der deutschen Okkupation der bis November 1942 unbesetzten Zone, in der die Familie Marx sich aufhielt.  Alle Warnungen schlug sie in den Wind.  Renate Alsbergs Schwiegervater schlug  in einem Brief Mutter und Tochter Marx vor, zu ihm nach Lissabon zu kommen, um von dort weiter auszuwandern, so wie es Renate bereits gemacht hatte.  Marie-Luises Schwester Evy und ihre Familie verschafften sich neue Papiere, die ihre jüdische Identität nicht verrieten, und drängten Marie Luise und ihre Mutter desgleichen zu tun. Von all dem wollte Marie-Luises Mutter  nichts wissen. Sie wollte nicht in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht verstand.  Als Französin fühlte sie sich sicher und sie meinte, in Kriegszeiten müsste die Familie zusammenbleiben.
 Am 12. September  1943 wurden Marie-Luise und ihre Mutter in Nizza von der Gestapo abgeholt und  in das Internierungslager Drancy nördlich von Paris gebracht. Die Mutter war  überzeugt, dass alles ein Missverständnis sei und sie bald wieder frei gelassen würden, wie sie der Tochter Evy  in zwei kurzen aus dem Lager geschmuggelten Nachrichten mitteilte. Doch nach wenigen Wochen in Drancy wurden Marie Luise und die Mutter nach Auschwitz deportiert, wo beide nach amtlichen Akten  im Dezember 1944 in der Gaskammer umgebracht wurden.
Renate Alsbergs Bericht endet  mit folgenden Worten: „Seit ich kurz nach der Befreiung Frankreichs hörte, dass Loulou umgebracht worden war, werde ich von den Vorstellungen ihres schrecklichen Todes verfolgt. Ich schätze, dass ihre Biographie einen Misston in deine Sammlung von glücklichen Lebensläufen bringt …. Unglücklicherweise gibt es noch viele andere, die viel zu jung starben…. Aber ach, es wird denen kein Trost gegeben, deren Liebste im Holocaust starben.“

Gertrud Fischer-Sabrow