Rathenau und Judentum

Walther Rathenau
als Repräsentant der deutsch-jüdischen Symbiose

1897 schreibt Walther Rathenau unter dem Pseudonym W. Hartenau den Aufsatz „Höre Israel“ in Maximilian Hardens „Zukunft“! [1] Darin bekennt er sich selbst als Jude, klagt aber seine Glaubensbrüder an. Den zugewanderten Juden wirft er vor, sich nicht anpassen und integrieren zu wollen. Und auf die Juden in Berlin schimpft er wegen ihrer Angeberei. [2]

Rathenau hatte in den 1890er Jahren die Integrationsversuche der Juden in Deutschland untersucht und sah diese als gescheitert an.

Er beschreibt die Juden in Deutschland als fremdartigen Menschenstamm, der sich anders als die Deutschen benimmt, auffällig angezogen ist, auch anders aussieht und damit fremdländisch wirkt [4] Während er selbst zur wirtschaftlichen, sozialen und später auch politischen Elite gehört und sich viel in Deutschland einbringt, wirft er den anderen Juden vor, so gar nichts für ihre Integration zu tun. [5]

Die in seinem ersten Entwurf gestellte rhetorische Frage "Bedarf es einer Erklärung, wenn ich zum Antisemitismus neige?", hat Rathenau zwar nicht in seinen Aufsatz mit aufgenommen, [6] aber dennoch zeigt sich die Distanz, die er zum Judentum einnimmt. Für ihn scheint es nicht verwunderlich, wenn die Deutschen den Juden feindlich gesonnen sind, da sie sich eben nicht anpassen. Rathenau geht scheinbar davon aus , dass sich die Juden durch ihre
Integrationsunfähigkeit bzw. -unwilligkeit sowie ihr andersartiges Benehmen und Aussehen selbst ausgrenzen und Feinde machen.

Rathenau fordert die Juden mit seinem Aufsatz auf, sich nicht nur in die Gesellschaft jüdischer Glaubensbrüder zu begeben, sondern sich mit den Deutschen zu mischen. Er verlangt die Assimilation (Angleichung, Verschmelzung) der Juden mit den Deutschen. [7]

Rathenau selbst schrieb in seinem Buch „An Deutschlands Jugend“ aus dem Jahr 1925 über sich: „Ich bin ein Deutscher jüdischen Stammes. Mein Volk ist das deutsche Volk, meine Heimat ist das deutsche Land, mein Glaube der deutsche Glaube, der über den Bekenntnissen steht“. [8] Deutsch und jüdisch sein, sind damit für Rathenau offensichtlich nicht zwei gegensätzliche Eigenschaften.

Somit lebt Rathenau selbst die deutsch-jüdische Angleichung und wird zum Repräsentanten der deutsch-jüdischen Symbiose (Vergesellschaftung). [9]

Da Rathenau im Jahr 1917 in einer weiteren Veröffentlichung nicht mehr von Verschmelzung von Deutschen und Juden, sondern nur noch von Versöhnung spricht, könnte man den Aufsatz von 1897 aber auch anders werten. [10]

Es gibt Kritiker, die davon ausgehen, dass der Aufsatz "Höre Israel ! " Rathenau als selbst hassenden Juden zeigt, der Probleme mit seiner eigenen Identität hatte. [11] Dazu würde passen, dass er sich trotz seiner Zugehörigkeit zur wirtschaftlichen und politischen Elite als Jude immer als Mensch zweiter Klasse fühlte. [12] Auch seine im Aufsatz bestehende Distanz zum Judentum und die Tatsache kein praktizierender Jude zu sein, [13] könnte diese These unterstützen. Allerdings ist Rathenau nie zum Christentum konvertiert. [14]

 Andererseits ist sein Wandel, statt der Assimilation (Verschmelzung) von Juden und Deutschen nur noch die Versöhnung zu fordern, vielleicht aber auch nur ein Ausdruck seiner Enttäuschung und Resignation. Dahinter steckt eventuell die Erkenntnis, die er in der Zeit zwischen 1897 und 1917 gewonnen hat, dass eine Integration und volle Angleichung der Juden in Deutschland nicht möglich ist. Aus dieser Erkenntnis und Enttäuschung heraus ergibt sich eben eventuell dann auch seine eigene spätere Distanzierung vom Judentum und seine Forderung, sich wenigstens um Verständigung und Ausgleich zu bemühen.

Trotz anderer kritischer Stimmen bleibt Rathenau damit für uns der Repräsentant der deutschjüdischen Symbiose. Wir sehen ihn nicht als selbst hassenden Juden. Schon der doch sehr zweideutige Titel seines Aufsatzes von 1897 "Höre Israel!" unterstützt das. Zum einen ist "Schm'a Jisrael" (= Höre Israel) der Beginn des eindringlichen jüdischen Glaubensbekenntnisses [15] und damit eine klares Bekenntnis zum Judentum. Zum anderen ist der sogar mit Ausrufezeichen versehene Imperativ aber zusammen mit dem Inhalt des Aufsatzes auch eine klare Aufforderung an die Juden, sich anders zu verhalten, eben um sich zu integrieren und nicht die Feindlichkeit der anderen auf sich zu ziehen. Dieses "Höre" kann man auch als Ableitung von gehorchen sehen, wie man es bei Kindern oft benutzt. Die Juden sollten den Aufforderungen Rathenaus, sich in Deutschland zu integrieren, Folge leisten, vielleicht um eben Schlimmes – nämlich den neu aufkeimenden Antisemitismus - zu verhindern.

1 Juliua H. Schoeps | 25.01.1985 |Hass auf die eigene jüdische Herkunft | Zeit-Online |
http://www.zeit.de/1985/05/hass-auf-die-eigene-juedische-herkunft.
2 Ludger Heid 14.02.13 | Weit entfernt von Israel | Jüdische Allgemeine |
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15225
Weiterhin zitiert als: Heid.
3 Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern (DGDB)| Dokumente - Gesellschaft und Kultur|
http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=717
Weiterhin zitiert als: DGDB.
4 Vgl. DGDB.
5 Moritz Piehler 15. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2015 | 10. Schwat 5775
http://www.zentralratdjuden.de/de/article/5136.faszination-des-widerspruchs.html
Weiterhin zitiert als: Piehler.
6 Vgl. Heid
7 Ines Naber | Jüdische Geschichte und Kultur | Projekt des Lessing-Gymnasiums Döbeln |
http://www.judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/geschichte/rathenau/index.html
Weiterhin zitiert als: Naber.
8 Vgl. Heid.
9 Vgl. Naber.
10 Vgl. Piehler.
11 Vgl. Piehler.
12 Vgl. Piehler.
13 Vgl. Heid.
14 Vgl. Heid.
15 Gregor Delvaux de Fenffe | 26.10.2015 | Die Mizwot: Gesetze und Rituale |
http://www.planet-wissen.de/kultur/religion/judentum/pwiediemizwotgesetzeundrituale100.html.